Titel: Malerei Folge II , 1995

Doris von Drathen

Gerhard Richter – An die Macht der Bilder glauben

Als Dostojewskij Holbeins ungeheures Bild „Der tote Christus im Grabe“ gesehen hatte, brach für ihn eine Welt zusammen. Nie zuvor hatte jemand gewagt, der Christenheit ihren Gottessohn so zu zeigen, als abstoßende Leiche, die Augen nach oben gedreht, den Mund offenstehend, die Gliedmaßen kalt, violett, starr; auf 31 x 200 Zentimeter lang ausgestreckt, flach, machtlos, gottverlassen; von niemandem gehalten, eine Profilgestalt auf einer Bahre, das Gesicht einsam in einen dunklen Raum gerichtet.

„Dieses Bild! … dieses Bild! Weißt du denn, daß man davor den Glauben verlieren kann?“ läßt Dostojewskij Jahre später seinen Prinzen Myschkin in „Der Idiot“ vor der Kopie des Gemäldes ausrufen.1

Bei aller Erschütterung schien für Dostojewskij allerdings die Tatsache, überhaupt an Bilder zu glauben, wohl so selbstverständlich wie für Holbein selbst, der nach England ging, als die Protestanten versuchten, die Macht der Bilder zu zerschlagen.

Seit der Französischen Revolution gelten Bilderstürme als Ausbrüche eines blinden kulturlosen Pöbels, und nach dem letzten Aufflammen während der Naziraserei scheint die Kulturbarbarei heute der Vergangenheit anzugehören.

Aber kommt die rein ästhetische Analyse von Bildern, die deren ikonologische Macht ausblendet, nicht einer sublimierten Form von Ikonoklasmus gleich? Müßte man nicht von einem Ikonoklasmus der Gegenwart sprechen, wenn Benjamin H.D. Buchloh in einem Gespräch mit Gerhard Richter postuliert, Glaube sei in der Auseinandersetzung mit der Malerei der Gegenwart inadäquat? Richter jedenfalls verwahrt sich vehement gegen alle Einladungen, seine Malerei möglicherweise als Ironie, als analysierend konzeptuelle Paraphrase, als Absage an den Inhalt des gemalten Bildes zu sehen, und…

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