Essay · von Georg Jappe · S. 34
Essay , 1976

Georg Jappe

Harry im Nacken

Jemand – ich weiß leider nicht mehr, wer – sagte schon in den wirren, von Eindrücken überquellenden Eröffnungstagen der documenta 5, als in einer Kritikerrunde lauter negative Bemerkungen fielen: ‚wir werden uns alle nochmal nach dieser documenta zurücksehnen.‘

Als vor rund einem Jahr die Verschiebung der documenta 6 gemeldet wurde, schrieb mir Bazon Brock in einem geharnischten Brief: ‚Soweit ich Dich verstehe, gewährst Du den d6-Herren einige Vorgaben, etwa die, sie strebten eine ‚medienbewußte documenta‘ an. Mir ist da nicht klar, wie man medienbewußt sein kann, wenn an ‚essayistisch formulierte Gruppen gedacht wird, die nebeneinander stehen, nicht zusammengezwungen werden sollen‘. Ist nicht eine grundsätzliche und darin natürlich simple Erkenntnis, die aus der Beschäftigung mit den Medien resultierte, die, daß selbst ein Nebeneinanderstehen eine Kontextuierung darstellt, die das Nebeneinanderstehende, ob das nun gewollt oder gerade verhindert werden sollte, ‚zusammenzwingt‘? Wobei meine in diesen Dingen etwas überspitzten Ohren zu hören glauben, daß die d5 mit ihrem thematischen Konzept sich des unstatthaften zusammenzwingens‘ schuldig gemacht habe, während man nun vorbehaltloser, offener, nicht präjudizierend es nur auf ein durchaus erlaubtes loses Nebeneinanderstellen abgesehen habe… Demzufolge würde ich nicht ‚Vorsicht gegenüber einer theoretischen Gesamtkonzeption‘ den d6-Autorcn konzedieren, sondern schlicht einen Unterscheidungszwang, Profilierungszwang, wo in der Sache ihre Vorstellungen von einer documenta 6 weitgehend sich mit der d5 decken, sie einer d5 aber nicht wiederholen können. Daß eine große Gruppe von Ausstellungsmachern kein Konzept findet, zeigt erstens, daß das Konzeptemachen mehr verlangt, als Ausstellungspraktiker normalerweise bereit sind zu konzidieren; zweitens, daß das d5-Konzept nicht…

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