Essay , 1979

Claus Borgeest

Kunst / Nicht-Kunst

Das subjektive Gefühl als Urteilsmaßstab

Zur Eröffnung einer Kunstausstellung mit Werken von Akademiestudenten, die ich als Jury-Mitglied mit ausgewählt hatte, war eine Aussprache zwischen der Jury und den Studenten vorgesehen, und zwar sowohl mit den Studenten, deren Werke das Wohlgefallen der Jury gefunden hatten, als auch mit den anderen, die ihre Arbeiten in der Ausstellung nicht präsentiert sehen konnten.

Wir mußten uns also darauf gefaßt machen, daß man von uns wissen wollte, was uns eigentlich dazu berechtigt, eine Entscheidung über eine so schwierige Frage zu fällen, ob die Absicht, ein gutes Kunstwerk herzustellen, gelungen ist oder nicht. Als solcherart Erkundigungen nach unserer persönlichen Legitimität und Kompetenz (was zu unterscheiden ist!) wenigstens zum größten Teil eingeholt waren, mußte die entscheidende Frage erwartet werden: „Nach Maßgabe welcher Kriterien haben Sie die Arbeiten ausgewählt?“

Ich antwortete, was man in einem solchen Fall zu antworten sich angewöhnt hat, nämlich: „Nach meinem subjektiven Qualitätsgefühl“, und wunderte mich, wie anstandslos diese Antwort akzeptiert wurde.

Diese Szene ist kein Einzelfall. Wo immer jemand gefragt wird, nach welchen Kriterien er Kunst beurteilt oder auswählt, ist zu erwarten, daß der Befragte sich mit der Regelmäßigkeit eines programmierten Reflexes auf sein subjektives Qualitätsgefühl beruft. Und man nickt tiefsinnig, als sei damit auch nur irgend etwas mitgeteilt, als sei damit die Antwort nicht rundweg verweigert worden und als wüßte nicht jeder, daß diese Replik im Klartext heißt: „Nach welchen Kriterien ich urteile, ist meine Privatsache, und die ist so privat, daß ich es selbst nicht wissen darf.“

Wir tun so, als wäre so…

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von Claus Borgeest

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