Kuschelkunst

Von Wolfgang Ullrich

Gegenüber Art Toys bestehen viele Vorbehalte. Den einen sind sie in Form oder Material zu nah an Kinderspielzeug, ja zu kindisch-albern, um als Kunst gelten zu können, andere stören sich daran, dass es sie oft in hohen Stückzahlen, gar in unlimitierten Editionen gibt, sie sich von Massenprodukten, Merchandise-Artikeln oder beliebigen Konsumartikeln kaum unterscheiden. Und was soll das für eine Kunst sein, die man in die Hand nehmen kann, da sie klein und leicht ist? Und die zudem oft so niedlich ist, dass man als erstes „ach wie süß!“ ausrufen und sie dann an sich drücken, mit ihr kuscheln will?

Art Toys provozieren also gleich mehrere Grundsätze der westlichen Moderne. In ihr war Kunst eine viel zu ernste und anspruchsvolle Angelegenheit, um je mit etwas für Kinder verwechselt werden zu können; diese waren generell aus der Kunstwelt ausgeschlossen – genauso wie alle anderen Menschen, die keinen zu Hochkultur qualifizierenden, kanonischen Bildungsweg nachweisen konnten. Entsprechend war Kunst das Gegenteil zu allem Niederen – zum bloß Sinnlichen und Reizenden genauso wie zum Alltäglichen und Populären. Als etwas Hohes war sie im Zweifel auch erhaben und einschüchternd; sie war reserviert für die Distanzsinne – Auge und Ohr – und konnte sich keinesfalls durch Tasten oder Schmecken erschließen. Dies galt umso mehr, als die Erfahrung von Kunst in der Moderne nicht an ihren Besitz geknüpft wurde, sondern im Gegenteil idealerweise in einem Museum oder ‚White Cube‘ stattfinden sollte – in Räumen, in denen man etwas vorfand, das einem nicht gehörte, dem man daher ‚interesselos’ gegenübertreten konnte und das man keinesfalls berühren durfte.

Die Grundsätze der Moderne hatten sich in Abgrenzung zu davor üblichen Auffassungen entwickelt. So gab es jahrhundertelang lebhafte Auseinandersetzungen darüber, ob der Tastsinn nicht vielleicht doch wichtiger sein könnte als der Sehsinn.1 Schon Lorenzo Ghiberti – als Bildhauer allerdings nicht unparteiisch – hob in der Mitte des 15. Jahrhunderts hervor, dass sich wichtige Qualitäten einer Skulptur – vor allem ihre „dolceze“, also ihre Feinheit, Anschmiegsamkeit, Lieblichkeit – nicht dem Auge, sondern allein der tastenden Hand erschlössen. (Interessanterweise führte er das am Beispiel der Statue eines Hermaphroditen aus, bei der es mehr zu ertasten gibt als bei einer männlichen oder weiblichen Figur, was für „dolceze“ zugleich eine erotische Dimension impliziert.)2

Und als einer der letzten dieser Tradition einer Priorisierung des Haptischen vertrat Johann Gottfried Herder noch 1778 die Überzeugung, mit dem taktilen Sinn erfasse man das „Gründlichste, Einfachste, Erste“, wohingegen „der Sinn des Gesichts […] flach“ und nur „auf der Oberfläche“ bleibe, weshalb man „mit ihm wohl nie auf den Grund kommen wird“.3

Durch die Globalisierung sowie die wachsende Macht der Sozialen Medien, die der Kunst im Allgemeinen und Art Toys im Besonderen ein neues Publikum bescheren, haben die Grundsätze der westlichen Moderne ihre hegemoniale Stellung eingebüßt.

So sehr die vormoderne Kunstwelt vor allem vom Adel, seinen Geschmacksvorlieben und Interessen geprägt wurde, so sehr war in der Moderne das Bildungsbürgertum maßgeblich. Im 19. Jahrhundert existierte beides noch parallel, „körperliche Distanz und Nähe zur Kunst“ war also „an soziale Hierarchien“ gebunden, so der Kunsthistoriker Thomas Moser: „Auch gutsituierte [bürgerliche] Sammler haben Büsten in Salons nicht geküsst. Der private Wohnraum der Bourgeoisie war dagegen ein haptischer, körperlichen Genuss bejahender Sinnesraum, der dem okulozentrischen Regime der Salons und Museen entzogen blieb.“4

Erst im 20. Jahrhundert setzte sich das bürgerliche Berührungstabu weitestgehend durch, um nun im 21. Jahrhundert aber bereits wieder relativiert zu werden. Zeichnet sich in der Kunstwelt generell eine Wiederkehr vormoderner Praktiken und Ideale ab, so gilt das insbesondere auch für den Status des Taktilen, wie nicht zuletzt die Karriere einiger Art Toys belegt.5

Sie sind damit Nachfolger unter anderem in der italienischen Renaissance beliebter Puppen und Statuetten, denen eine ganze Reihe an Funktionen zukam. So dienten Figuren des Jesusknaben frisch vermählten Frauen und Nonnen dazu, sich emotional auf eine reale oder ideelle Mutterrolle vorzubereiten. Oft aus Terrakotta oder Holz sowie bemalt, sollten sie die Phantasie stimulieren und starke Gefühle, gar spirituelle Hoffnungen wecken, wenn sie gestreichelt, umarmt oder gewickelt wurden.6 Auch Statuetten waren meist mehr als bloße Handschmeichler, fungierten vielmehr als religiös oder erotisch aufgeladene Fetische.7 Von ihrem Gebrauch zeugen etliche bildliche Darstellungen – am bekanntesten wohl Lorenzo Lottos Bildnis von Andrea Odoni (1527), Tizians Porträt Jacobo Stradas (1567), sowie Paolo Veroneses Porträt von Alessandro Vittoria (um 1575) [04].

So oft therapeutisch-kuschlige Art Toys mit Adjektiven wie ‚ fürsorglich‘, ‚warm‘ und ‚weich‘ charakterisiert werden, die herkömmlich weiblich codiert sind und sonst vor allem zur Beschreibung mütterlicher Tätigkeiten verwendet werden, so oft stammen sie aber von Männern.

Diese Statuetten waren verkleinerte Figuren von Menschen oder Göttern, niedlich also nur im Sinne einer Diminuierung im Format, nicht hingegen infolge besonderer Formen, Farben oder Materialitäten. Das unterscheidet sie von heutigen Art Toys, die oft runde Formen, überproportional große Köpfe und Augen, fröhlich-bunte Farben oder weiche Materialien – Plüsch, Stoff, Fell – aufweisen. Sie ähneln darin Teddybären und als süß und niedlich empfundenen Kuscheltieren, unterscheiden sich aber zugleich von anderen Art Toys, die nicht von Kinderspielzeug hergeleitet werden können, sondern aus der Street-Art oder verwandten subkulturellen Strömungen hervorgegangen sind. Eine Ausstellung, die 2022 im NRW-Forum in Düsseldorf stattfand und Art Toys aus der Sammlung von Selim Varol zeigte, ging ausdrücklich deren Bezügen zur Street-Art nach und enthielt damit vorwiegend Exponate [06], die zumindest noch Spuren einer rebellischen Ästhetik erkennen lassen und weder niedlich noch speziell auf haptische Erfahrungen angelegt sind.8

Typisch für jene Art Toys, die sich an der Tradition von Kuscheltieren orientieren, sind etwa einige frühe, 2002 entstandene Plush Toys des Künstlerduos FriendsWithYou. Sind sie bereits mit Namen wie Malfi, Mr. TTT [05] oder Berry Carry & Barry als freundlich-fröhlich ausgewiesen, so macht sie erst recht ihr Design drollig. Immer ist irgendein Körperteil disproportional – die Arme sind zu lang, der Bauch ist eine Kugel oder der Mund eine riesige Wurst –, zudem sind Kopf und Körper oft gar nicht voneinander zu trennen. Das lässt die Plush Toys unbeholfen-tollpatschig erscheinen, weshalb sie nicht nur lieb, ja völlig ungefährlich und entsprechend niedlich wirken, sondern auch das Bedürfnis wecken, sie zu schützen und an sich zu ziehen, um sie zu knuddeln. Man entwickelt ihnen gegenüber Wärmegefühle, die durch weiche, flauschige Materialien und rundliche Formen weiter gestärkt werden.

Ein Grund dafür, dass Art Toys fast nur von Männern stammen (aber keineswegs nur von Männern gesammelt und benutzt werden), könnte paradoxerweise gerade an ihrer weiblichen Codierung liegen.

Zu jedem Figurentyp haben FriendsWithYou einen kurzen Text verfasst, und oft werden darin gerade die haptischen Qualitäten und die damit verbundenen Intentionen angesprochen. So schreiben sie über Berry Carry & Barry, ein braunes, entfernt an einen Bären erinnerndes Plüschtier, auf das eine verkleinerte Variante seiner selbst appliziert ist: „Comes with a baby. A soft huggable friend, this fluffy pillow is acutally the tiniest protein particle in existence. Use him as a gift for a distressed friend or a malnourished cousin. Berry Carry will grant you a healthy body and a healthy state of mind. Barry acts as a pillow to soften the blows of mental and physical ailments.“9

Vorgestellt wird das Art Toy also als ein weicher Freund zum Anschmiegen, der Trost spenden und Unangenehmes abmildern kann. Damit erinnert das Plüschwesen nicht nur an ein Kuscheltier für Kinder, sondern soll auch eine ähnliche Funktion erfüllen. FriendsWithYou versucht, Erwachsenen wieder einen Zugang zu ihrer kindlichen Gefühlswelt zu bahnen [07]; das Künstlerduo hält diese nicht für unreif, sondern im Gegenteil für besonders wertvoll, weil in der Beziehung eines Kinds zu seinem Kuscheltier Wärme, Liebe und Geborgenheit entstehen und so eine rundum positive, gar therapeutische Wirkung einsetzen kann. Sam Borkson, einer der beiden Gründer von FriendsWithYou, spricht in einem Interview davon, Kunst habe für ihn in der Anfangszeit, als die Plush Toys entstanden, ausschließlich eine heilstiftende Funktion gehabt („in the beginning, for me, art was completely a healing practice“). Als therapeutisch wertvoll sieht er dabei gerade Niedliches an; er spüre die davon ausgehenden heilenden Kräfte und fühle sich entsprechend angezogen („I became drawn to the feminine, open, cute, kawaii feeling“).10

Als FriendsWithYou ihre ersten Plush Toys konzipierten, durften sie nicht auf Anerkennung innerhalb der westlichen Kunstwelt hoffen, galten doch dort die Grundsätze der kritisch-intellektuellen Moderne noch weitgehend unhinterfragt. Kuscheltiere mochten zwar bereits ein künstlerisches Sujet sein, doch wurde ihrer Niedlichkeit gerade misstraut; man erkannte darin – wie in der Konsumästhetik im Allgemeinen – eigentlich nur Manipulation und kapitalistische Machenschaften. So bemühte sich Mike Kelley mit Installationen aus vorgefundenen, massenhaft produzierten Kuscheltieren um deren ‚Entniedlichung‘. Er verknäulte sie zu großen Häufen, ja ließ sie zu einer schmuddeligen, gar eklig-amorphen Masse werden, um das Bedürfnis, sie an sich zu drücken, ins Gegenteil zu verkehren; Niedlichkeit sollte als Perversion einer vermeintlich ordentlich-lieben Welt entlarvt werden.

Zwanzig Jahre später ist die Haltung von Friends-WithYou hingegen keine Ausnahme mehr. Durch die Globalisierung sowie die wachsende Macht der Sozialen Medien, die der Kunst im Allgemeinen und Art Toys im Besonderen ein neues Publikum bescheren, haben die Grundsätze der westlichen Moderne ihre hegemoniale Stellung eingebüßt. Und unter den verschiedenen Art Toys scheinen gerade die weichen und niedlichen, die vornehmlich zum Kuscheln animieren sollen, an Beliebtheit zu gewinnen. So brachte Mark Ryden 2022 erstmals ein Art Toy auf den Markt, das wahlweise aus weißem oder schwarzem Fell besteht. Außerdem hat Yuki the Young Yak (so der Name) große Kulleraugen und rosa getönte Pausbacken [01–03], erfüllt also gleich mehrere Voraussetzungen dafür, wegen seiner besonders niedlichen Anmutung gekuschelt zu werden.

Takashi Murakami, der am wachsenden Erfolg von Art Toys von Anfang an maßgeblich beteiligt war, lange jedoch vorwiegend Stücke aus Vinyl produzieren ließ, steigt seit wenigen Jahren ebenfalls immer häufiger auf Plüsch oder andere weiche Materialien um. In einem eigenen Shop, den er 2021 gründete, kann man sogar fast nur Kuschelobjekte und Kleidungsstücke erwerben.11 Das aber liegt dar an, dass er – ähnlich wie FriendsWithYou – vor allem eine therapeutische Funktion für sich als Künstler beansprucht. Er will den Menschen „Erlösung für Kopf und Herz“ bieten („to provide salvation for the mind and heart“), zumal vieler Weltvertrauen, so seine Begründung, zuerst durch den Tsunami mit der Atomkatastrophe von Fukushima und dann durch die Corona-Epidemie gestört worden sei.12

So oft therapeutisch-kuschlige Art Toys mit Adjektiven wie ‚fürsorglich‘, ‚warm‘ und ‚weich‘ charakterisiert werden, die herkömmlich weiblich codiert sind und sonst vor allem zur Beschreibung mütterlicher Tätigkeiten verwendet werden, so oft stammen sie aber von Männern. Vor allem in größeren Auflagen produzierte Art Toys sind bis heute ausschließlich die Domäne männlicher Künstler. Von Frauen gibt es höchstens Art Toys, die als Unikate gefertigt werden, so etwa von der aus China stammenden Nhozagri, die für ein von ihr imaginiertes Königreich seit 2017 Mollusk Citizens erschafft: plüschigbunte Wesen, deren Augen oft aus weiteren kleinen, fröhlichen Gesichtern bestehen, so dass sich ihre Niedlichkeit in mehreren Stufen entfaltet.

Ein Grund dafür, dass Art Toys fast nur von Männern stammen (aber keineswegs nur von Männern gesammelt und benutzt werden), könnte paradoxerweise gerade an ihrer weiblichen Codierung liegen. Haben schon Männer es schwer, mit Kuschelkunst Anerkennung in der westlichen Kunstwelt zu bekommen, so würde es nämlich erst recht nicht als Kunst akzeptiert, wenn Frauen mit Art Toys in Erscheinung träten. Sie würden dann nur wie Mütter und nicht als Künstlerinnen wahrgenommen. Dagegen erkennt man es bei Männern zumindest als Rollenwechsel und Bruch mit einem Klischeebild an, wenn sie Plüschobjekte oder andere niedliche Art Toys entwickeln. Erst wenn die Grundsätze der westlichen Moderne noch weiter erodieren sollten, taktile Qualitäten allgemein begehrt sind und Kuschelbedürfnisse als kunstwürdig gelten, dürfte sich an dieser Asymmetrie etwas ändern.

WOLFGANG ULLRICH
lebt als Kulturwissenschaftler und freier Autor in Leipzig, war von 2006 bis 2015 Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung. Er forscht und publiziert zur Geschichte und Kritik des Kunstbegriffs, zu bildsoziologischen Themen sowie zu Konsumtheorie. Seit 2011 ist er Kolumnist bei „Art. Das Kunstmagazin“, seit 2019 gibt er zusammen mit Annekathrin Kohout die Buchreihe „Digitale Bildkulturen“ im Verlag Klaus Wagenbach heraus. – Jüngste Buchpublikationen: Selfies. Die Rückkehr des öffentlichen Lebens, Berlin 2019; Feindbild werden. Ein Bericht, Berlin 2020; Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie, Berlin 2022.
www.ideenfreiheit.de
@ideenfreiheit
ANMERKUNGEN
1 Vgl. Geraldine A. Johnson: The art of touch in early modern Italy, in: Francesca Bacci / David Melcher (Hgg.): Art and the Senses. Oxford 2011, S. 59 – 84; Adrian W. B. Randolph: Touching Objects. Intimate Experiences of Italien Fifteenth-century Art. New Haven 2014.
2 Lorenzo Ghibertis Denkwürdigkeiten (I Commentarii), hg. v. Julius von Schlosser, Berlin 191 2, S. 62.
3 Johann Gottfried Herder: Plastik (1778), in: Bibliothek der Kunstliteratur, Bd. 3 (Klassik und Klassizismus), hg. v. Helmut Pfotenhauer / Peter Sprengel, Frankfurt / Main 1995, S. 20f.
4 Thomas Moser: Körper & Objekte. Kraft- und Berührungserfahrungen in Kunst und Wissenschaft um 1900, Paderborn 2022, S. XII.
5 Vgl. Wolfgang Ullrich: Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie. Berlin 2022, S. 81 – 107.
6 Christiane Klapisch-Zuber: „Holy Dolls: Play and Piety in Florence in the Quattrocento“, in: Dies.: Women, family, and ritual in Renaissance Italy. Chicago 1985, S. 310 – 329.
7 Vgl. Johnson (Anm. 1), S. 64 – 69.
8 Vgl. www.nrw-forum.de / presse / wonderwalls.
9 Sam Borkson / Arturo Sandoval: FriendsWithYou Have Powers, hg. v. Robert Klanten / Hendrik Hellige, Berlin 2006.
10 Maxwell Williams (Hg.): We Are FriendsWithYou. New York 2014, S. 66.
11 Vgl. https://zingarokk.com.
12 www.instagram.com / p/B-gAVA-F-1A/.