Kommentar , 1973

KLAUS HONNEF

TAGEBUCH

Mittwoch, den 1. August

‚Play it again‘ – spiels nochmal, sagt Ingrid Bergmann zum schwarzen Barpianisten Sam, und Sam spielt das Lied vom Nicht-Vergessen-Dürfen, a kiss is a kiss, ein Kuß ist ein Kuß. Wehmütig, schwer erklingt die Hintergrundmusik in Michael Curtiz‘ ‚Casablanca‘, dem 1942 gedrehten Film, der Hollywoods berühmtester (und bester!) Unterhaltungsfilm geworden ist. Ich sah ihn zum dritten Mal, im Dritten Programm des Fernsehens. Das erste Mal, als ich ‚Casablanca‘ sah, in den fünfziger Jahren, war er fürchterlich verschnitten. Resultat teutonischer Schneidekünste, denen damals (!) das Thema zu brisant erschien. Es war die Adenauer – Ära, die Epoche des verschweigenden Arrangements mit der Nazi-Zeit. Es gab auch gute Deutsche, Oberländer war Minister, weniger einflußreiche PCs drückten die Regierungsbänke. Conrad Veits Rolle fehlte ganz, vom SS-General, der Paul Heinreid, einen amerikanischen Journalisten, dem die Flucht aus einem KZ gelungen war, bis nach Casablanca verfolgte, war nicht mehr die Rede. Der Film erzählte eine neue Geschichte, eine Rauschgift-Story – wie übrigens auch die deutsche Version von Hitchcocks ‚Notorious‘, in dem Ingrid Bergmann und Claude Rains ebenfalls Partner sind -, und Rains oder Sidney Greenstreet, einer der beiden, war der Schurke. ‚Casablanca‘ ist immer noch einer der schönsten, besten, erregendsten, traurigsten Filme, die ich kenne. Humphrey Bogart in seiner typischen Haltung, die erst durch ‚Casablanca‘ zur typischen wurde. Der Zyniker, der seine beschädigte Psyche hinter einer kalten, barschen, selbstsüchtigen Fassade versteckt, der Säufer, der ewige Verlierer, der verzichtet, weil er gewonnen zu haben scheint und doch verloren hat oder vielleicht was…

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