Daniel Knorr
Der Rauch der Mehrdeutigkeit
von Heinz-Norbert Jocks
Der 1968 in Bukarest geborene Bildhauer Daniel Knorr, der seit 1998 in Berlin lebt, kam als Vierzehnjähriger nach Deutschland, nachdem seine Eltern 1982 als Touristen aus Rumänien geflohen waren. Er studierte bei Olaf Metzel an der Akademie der Bildenden Künste in München. Aufmerksamkeit erzielte er 1994 mit seiner Installation „Powder“. Da ließ er die Besucher über ein halbes, in Panzerglas eingeschlossenes Kilo Kokain laufen. Dank eines DAAD-Stipendiums kam Knorr in die USA an das Vermont College of Fine Arts und schließlich von 1995 bis 1997 nach New York. 2005 bespielte er den Rumänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig, indem er die Räume unter dem Titel „European Infuenza“ völlig leer ließ. Für das Mumok in Wien stellte er Marie Antoinette und Ludwig XVI als Vogelscheuchen dar. Im Fridericianum präsentiert Daniel Knorr sein performatives Projekt „Scherben bringen Glück. Dieses beinhaltet nicht nur die Entstehung der Skulptur „City Pills“, sondern auch eine über den gesamten Zeitraum der documenta fortlaufende Produktion von Brillen aus Altglasscherben. Im Grunde strebt er mithilfe der Verwendung von Material ein Sichtbarwerden von Geschichte ebenso an wie Assoziationen zu unterschiedlichen Ebenen unserer Kultur oder Nicht-Kultur. Mit dem weißen Rauch, der vom Zwehrenturm in Kassel täglich zwischen 10 und 20 Uhr aufsteigt, sorgte Knorr bereits bei einem Probelauf trotz Vorwarnung für Aufregung. Der Rauch bildete so dichte Wolken, dass die Feuerwehr anrückte.
Heinz-Norbert Jocks: Dein Werk in Athen, die Herstellung eines Buches, hat mit gefundenen Gegenständen zu tun und eine indirekte Verbindung zu der Arbeit in Kassel.
Daniel Knorr: An diesem Projekt arbeite ich seit zehn Jahren. Es ist das elfte Buch, das nun in der bisher größten, in einer Auflage von 1100 Exemplaren erscheint. In Athen greife ich auf in den Straßen und auf Plätzen innerhalb und außerhalb des Zentrums aufgelesenes Zeug zurück, darunter kaputtes Spielzeug, eine SIM-Karte oder der Geschäftsstempel eines nicht mehr existenten Unternehmens. Für mich sind dies wertfreie Gegenstände. Ich bevorzuge flache oder solche Dinge, die ich derart bearbeitete, dass ich sie in das Buch hineinlege und dieses mit einem Druck von über 30 Tonnen zusammenpresse. So flach, dass sie zwischen die weißen Buchseiten passen und sich tief in die Seiten einprägen. Auf der Rückseite der nummerierten und signierten Bücher befindet sich ein USB-Stick, darauf gespeichert ein zwanzigminütiger Film. Die Idee mit den Büchern, im Rahmen meiner bisherigen Arbeit eigentlich keine neue, hat einen Bezug zu Athen, da diese mit Archäologie und der Konstruktion einer kulturellen Identität in einer geschichtsträchtigen Stadt zu tun hat. Das Verweilen in einer solchen Metropole fordert einen fast zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit heraus. Alles in allem verweist die Arbeit mit den verwerteten Gegenständen auf die Fragmentierung der Gesellschaft. Die kulturelle Identität, die sich in diesen Bruchstücken widerspiegelt, geht über die griechische weit hinaus, weil diese die Quelle der westlichen oder europäischen Identität ist. Übrigens ist mein Gesellschaftsverständnis dem völlig entgegengesetzt, was sich nicht nur in Deutschland, sondern auch anderswo beobachten lässt, wo Konsumtion das Verhalten der Menschen bestimmt. Meine künstlerische Tätigkeit verstehe ich als zeitgenössische Archäologie. In Kassel nehme ich eine Art Umwandlung oder Überführung der in Athen produzierten Bücher in die am 8. April in Kassel inaugurierte Arbeit „Expiration Movement“ vor. Dort steigt tagtäglich mehr als zehn Stunden lang weißer Rauch aus dem Zwehrenturm am Friedrichsplatz als Spur dieser Metamorphose.
Meine künstlerische Tätigkeit verstehe ich als zeitgenössiche Archäologie
Was bedeutet der Rauch?
Zunächst signalisierte er den Beginn der documenta in Athen. Dass diese in zwei Städten gleichzeitig stattfindet, ist ja etwas Ungewöhnliches. Nun hat Rauch nicht nur mehrere Bedeutungen, seine Entstehung hat auch unterschiedliche Ursachen. Der Rauch soll auch an den 7. November 1938 erinnern, als es zu einer Generalprobe der sogenannten Reichskristallnacht für die Pogrome im Land kam. Insofern ist Kassel ein mit Geschichte aufgeladener Ort. Das wollen wir mit dem Rauch versinnbildlichen, der von Rauchgeneratoren erzeugt wird, wie sie in Großraumdiscos oder vom Militär benutzt werden. Mit dem Rauch werden sozusagen warme Signale von Kassel nach Athen geschickt.
Was liegt dir an der Erinnerung an die NS-Zeit im Rahmen der documenta?
Mir geht es weder um ein Statement noch um eine Einteilung in Schwarz und Weiß. Ich verstehe mein Beitrag in Kassel als Angebot, die Gegenwart aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Der Rauch ist in meinen Augen ein Denkmal für den Frieden und eine Erinnerung an die Ruinenstadt Aleppo. Auch das Fridericianum, das 1933 noch die Kulisse für die Bücherverbrennungen bildete, lag am Ende in Schutt und Asche.
Warum macht es aus deiner Sicht Sinn, die Zelte der documenta in Kassel und Athen aufzuschlagen?
Als die documenta 1955 ins Leben gerufen wurde, ging es darum, die Deutschen ins internationale Kunstgeschehen zurückzuholen. Das ist ihr gelungen. Heute ist Griechenland an den Rand gedrängt. Bezogen auf die Flüchtlingsströme, macht Deutschland wieder einen Rückzieher. Sich auf Quoten stützend, betreibt man Zahlenspiele. Statt das Land zu öffnen, zieht man Grenzen zwischen den Menschen. Was ich sage, gilt auch für andere Länder. Die bloße Rückbesinnung auf alte kulturelle Werte reicht nicht aus. Vielmehr sollten mehr Möglichkeiten für das Zusammenleben aller geschaffen werden. Jeder von uns ist in erster Linie ein Mensch und nicht ein Angehöriger einer Nation. Wir gehören keiner Nation, und keine Nation gehört uns. Hervorheben möchte ich hier, dass meine Arbeit nicht nur Deutschland zum Thema hat. Denn der Rauch symbolisiert nicht nur ein grauenvolles Ereignis, sondern auch den Verlust von Energie. Wir leben in einem dynamischen System mit ungeheurem Energieverbrauch. Mit meiner Arbeit möchte ich nicht nur auf die dunkle Seite der Geschichte dieser Stadt anspielen, sondern auch darauf aufmerksam machen, dass Kunst selbst zu einer Produktionsstätte oder einer Industrie verkommen ist. Wie du siehst, sind die Arbeiten in Athen und Kassel miteinander verwoben. Das aggressive Verkaufen des Buches vor Ort, wie ich es betreibe, hat auch mit dem Zustand der Gesellschaft zu tun. Das dabei eingenommene Geld wird übrigens dazu verwendet, den Turm qualmen zu lassen.
Der Rauch soll auch an den 7. November 1938 erinnern, als es zu einer Generalprobe der sogenannten Reichskristallnacht für die Pogrome im Land kam.
Was du in Athen zu einem Hügel angehäuft hast, sind Dinge, die sich kaum noch verwenden lassen. Ich assoziiere dazu das von Walter Benjamin entworfene Bild vom Lumpensammler.
Von ihm interessieren mich mehr seine Gedanken zum Verlust der Erfahrung und der damit einhergehenden Armut. Also der Vergleich mit der Nazizeit und das Zurückfallen in diese. Aber du hast recht: Auch seine Äußerungen zum Lumpensammler passen zu meiner Arbeit.
Für Benjamin enthalten die übriggebliebenen Fragmente nicht nur Hinweise auf Vergangenes, sondern auch noch ungenutzte „utopische Reste“ oder noch nicht realisierte Möglichkeiten.
Für mich haben die Objekte ein Potential, und es kommt darauf an, dieses zu verwerten, freizulegen oder freizulassen. Damit ist gemeint, dass dem achtlos Zurückgelassenen eine versteckte Kraft innewohnt und dass dieses einen verborgenen Wert hat. Diese Dinge können nichts dafür, dass sie da sind. Sie werden ebenso hin und her bewegt wie wir. Auch wenn wir uns einbilden, gegen den Strom zu schwimmen, so stimmt das letztlich nicht.
Was brachte dich zum Sammeln?
Das begann anlässlich einer von Marius Babias kuratierten Ausstellung in Rumänien. Er wollte ein Künstlerbuch mit Schwarzweiß-Fotos herausbringen. Dieses Projekt inspirierte mich dazu, auf das Format „Buch“ zu reagieren. Ich hatte den Einfall, auf Straßen Aufgelesenes zusammenzupressen, um es in diesem verwandelten Zustand Büchern beizufügen. Babias, dem diese Idee gefiel, ermunterte mich zu deren Umsetzung. So entstand 2007 eines der ersten Bücher. Diese erschienen in einer kleinen Auflage von 200 Exemplaren. Die jetzige ist die bisher größte. Um sie zu ermöglichen, haben wir im großen Ausmaß gesammelt. Anfangs vorwiegend flache Dinge. Später nahmen wir immer mehr mit, weil ich reichlich Material für das Display benötigte. Die Idee zu der Installation, dem Berg aus Zusammengetragenem kam mir spontan im Hinblick auf die Frage nach der Form der Präsentation dieses Materials. Ursprünglich wollte ich eine Skulptur aus dem archäologischen Museum verbuddeln. Dazu erhielt ich jedoch keine Genehmigung. Also blieb es dabei, dass ich in Athen den Vorschlag von Adam Szymczyk aufgriff und das Buch machte. Dieses Projekt weist eine Verbindung zu der Arbeit in Kassel, also zu dem aufsteigenden Rauch auf, insofern ich dort den Blick auf die Geschichte der Sammlungen mit dem Blick auf den Verbrauch von Werten und die Geschichte verknüpfe.
Mit dem Rauch werden sozusagen warme Signale von Kassel nach Athen geschickt.
Was interessiert dich an Archäologie?
Es ist keineswegs so, dass mich Archäologie interessiert. Vielmehr hegt diese ein Interesse an mir. Mir macht es Spaß, auf den Straßen herumzuschlendern, dort interessant Erscheinendes aufzuheben und mitzunehmen. Wenn man wie Adam eine Ausstellung in dem von alten Ruinen übersäten Athen macht, ist die Einbeziehung eines solchen Projektes naheliegend. Es ist übrigens nicht das erste Buch, das wir zusammen realisieren. Bereits in Basel haben wir eines gemacht.
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