Titel: documenta 14 , 2017

Wo bleibt das Absichtslose?

Ein Fall von symbolischer Reparation. Die Kasseler Ausgabe der documenta 14 folgt schon dem in Athen erprobten Ansatz durchdringender Politisierung

von Ingo Arend

„Beingsafeisscary“. Der Verwirrungseffekt ist geglückt. Wo in Kassel am Giebel des ältesten Museums Europas sonst der Schriftzug „Museum Fridericianum“ prangt, erblicken die Passanten des Friedrichsplatzes Buchstabensalat. Dass die türkische Künstlerin Banu Cennetoglu mit ihrem Statement, dass Sicherheit auch Angst macht, auf das Schicksal von Gurbetelli Ersöz anspielt, dürfte kaum einer von ihnen ahnen. Es sei denn, sie waren in Athen. In der griechischen Hauptstadt hatte Cennetoglu der 1997 bei einem Kampf getöteten, kurdischen Journalistin und Freiheitskämpferin schon eine Arbeit gewidmet: Texte aus ihren, in der Türkei seit 1998 verbotenen Tagebüchern, aufgetragen auf Lithographiesteine, fertig zu dem Druck gemacht, der bisher immer wieder verboten war.

Mit der Inschrift in Kassel spannt Cennetoglu die Brücke von Athen nach Kassel, um die es der documenta 14 geht. Vor allem spielt sie auf den Zwiespalt zwischen einem Leben als Intellektuelle und als Freiheitskämpferin an. Genau diesen Zwischenraum wollte Adam Szymczyk mit seiner documenta 14 neu vermessen. „Learning from Athens“ reklamierte so explizit wie keine documenta zuvor ein politisches Mandat der Kunst. Insofern lässt sich Cennetoglus Arbeit wie ein Motto der gesamten Schau lesen. Hat die wichtigste Kunstschau der Welt Kunst und Gesellschaft aus der „Komfortzone“ gelotst, von der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung des Athener Auftakts behauptete, dass sie die Kunst für die Politik nie sei?

Man kann der documenta 14 zugutehalten, dass sie ein alle…

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