Titel: documenta 14 · von Michael Hübl · S. 78
Titel: documenta 14 , 2017

Kopfüber im flachen Wasser

Die Rolle des Künstlers und des Publikums auf einer documenta zwischen Endzeitstimmung und Handlungsersatz
von Michael Hübl

Künstler sein – was heißt das im Jahr 2017 auf dem einst als Weltkunstausstellung deklarierten Großereignis namens documenta, deren 14. Ausgabe unter dem Motto steht: „Von Athen lernen“? Welche Rollen nehmen die Akteure der diversen Gattungen ein? Mit welchen Formen der Auseinandersetzung werden die Besucherinnen und Besucher konfrontiert? Sind es überhaupt Auseinandersetzungen? Oder sind es nur Konsumangebote, Unterhaltungsformate für die gebildete Mittelschicht?

Ein Rückblick

„Von Athen lernen“ – die Anspielung ist zu offensichtlich, um nicht wenigstens in homöopathischer Dosis ironisch zu sein. „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“ lautete eine Leitparole in jenem real existierenden Sozialismus, der für Adam Szymczyk, den künstlerischen Leiter der documenta 14, der Lebensraum seiner Kindheit und Jugend war und der damals, genauer: im Jahr 1977, bis in die documenta 6 vordrang. In der Sektion Malerei waren seinerzeit 47 Künstler vorgesehen, vier von ihnen kamen aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR): Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte und Werner Tübke. Die Auswahl barg einige Brisanz. Einerseits entsprach sie der noch jungen Entspannungspolitik; die Teilnahme des DDR-Quartetts sollte Normalisierung zwischen den Machtblöcken diesseits und jenseits des so genannten Eisernen Vorhangs signalisieren. Andererseits bedeutete der Auftritt der drei Professoren und ihres seit 1973 freischaffenden Kollegen Mattheuer einen Affront gegen die Künstler, die dem Regime des Arbeiter- und Bauernstaats nicht genehm waren, deshalb nicht in den Verband Bildender Künstler der DDR (VBK)…


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