Titel: documenta 14 - Gespräche · von Heinz-Norbert Jocks · S. 120
Titel: documenta 14 - Gespräche , 2017

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung

Das Radio als Forum der documenta

von Heinz-Norbert Jocks

„Every Time A Ear di Soun“, ein Radioprogramm der documenta 14 in Kooperation mit Deutschlandradio Kultur, geht auf eine Idee des Kurators Bonaventure Soh Bejeng Ndikung zurück. Er versteht dieses als Kunst, Medium für Kunst und Ausstellungsfläche. Acht Radiosender aus Griechenland, Kamerun, Kolumbien, dem Libanon, Brasilien, Indonesien, den USA und Deutschland gestalten während der documenta für jeweils drei Wochen akustische Kunstwerke. Neben ihrem bestehenden Programm senden die Stationen täglich mehrere Stunden neben eigens für die documenta 14 produzierten Werken auch Archivmaterialien und Aufnahmen aus den öffentlichen Programmen der documenta 14.

Die Verflechtungen zwischen Stimmen, Sprachen, Geräuschen und Musik bis zum Übergang zur Performativität sowie die körperliche Erfahrung akustischer Phänomene innerhalb psychischer und physischer Räume sind Themen dieses Radioprogramms. Klang spielt besonders in den Gesellschaften eine grundlegende Rolle, in denen neben visueller Kultur auch akustisches Wissen durch mündliche Überlieferungen vermittelt wird. Geräusche überschreiten visuelle und schriftliche Logik. Geschichte, die über Worte hinaus hörbar und physisch erfahrbar wird, wird so von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Das Akustische existiert nicht ohne Räume des Austauschs und das Partizipative, die Fähigkeit zu teilen und andere mitzunehmen.

Every Time A Ear di Soun befasst sich mit den oralen Traditionen und akustischen Phänomenen als Form des Wissensaustauschs und sinnt darüber nach, wie sich durch Klang Körper, Orte, Räume und Geschichte synchronisieren lassen.

Für den Radiosender in Deutschland wurde mit SAVVY Funk eine ganz neue Radiostation aufgebaut. Künstler/innen gestalten hier über drei Wochen ein 24-stündiges Radioprogramm. Dieses ist als Live-Performance im SAVVY Contemporary Berlin zu sehen. Zusammen mit Prof. Nathalie Singer, Martin Hirsch und Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar, sowie mit Marcus Gammel von Deutschland Radiokultur und Elena Agudio von SAVVY Contemporary wird gleichzeitig vor Ort ein Archiv aufgebaut, das wissenschaftliche und künstlerische Forschung zur historischen und zeitgenössischen Radiokunst und Radiophonie miteinander verbindet.

Der aus Kamerun stammende Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, 1977 in Yaoundé geboren, lebt seit 1997 vorwiegend in Berlin. Dort studierte er Lebensmittelbiotechnologie, promovierte in medizinischer Biotechnologie und machte ein Post-Doc in Biophysik in Montpellier. Er ist der Gründer und künstlerische Leiter des Kunstraums SAVVY Contemporary Berlin. Dort waren seit 2010 zahlreiche Ausstellungen, Performances, Filmprogramme und Symposien zu sehen. Zudem ist Ndikung Projektinitiator und Chefredakteur der Zeitschrift SAVVY art.contemporary.african, einem zweisprachigen E-Journal für kritische Texte zur zeitgenössischen afrikanischen Kunst.

Er hat unter anderem folgende Ausstellungen kuratiert: „If You Are So Smart, Why Ain’t You Rich? On the Economy of Knowledge“, Marrakesh, 2014; „Giving Contours to Shadows“, Neuer Berliner Kunstverein, Gorki Theater, Gemäldegalerie, SAVVY Contemporary sowie Satellitenprojekte in Dakar, Johannesburg und Nairobi, 2014; „But the sea kept turning blank pages looking for history – on the state of refugeeness“, SAVVY Contemporary, 2014; „The discursive program – Wir Sind Alle Berliner: 1884-2014,“ ICI Berlin, 2015 (S. Kobschall, A. Jäger, S. Njami); „Jean Pierre Bekolo: Welcome to Applied Fiction“, SAVVY Contemporary, 2016 (Katharina Narbutovic), „An Age of our Own Making“, Images Biennale 2016 in Holbæk, Roskilde, and Copenhagen (S. Ovesen), „The Incantation of the Disquieting Muse – On Divinity, Parallel- and Supra-realities or the Exorcisement of ‚Witchery‘“, SAVVY Contemporary, 2016 und „The Conundrum of the Imagination – on the paradigm of exploration and discovery“, Leopoldmuseum – Wienerfestwochen, 2017.

Heinz-Norbert Jocks: Verstehst du dich als Co-Kurator?

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Nein, da ich mich nicht spezifiziere, sehe ich mich als Curator at large. Ich decke viele Bereiche ab. Und beinah alle Kuratoren waren vor Ort, ich aber nicht. Mir lag daran, zu reisen, um mich auf unterschiedlichen Spielfeldern zu bewegen. Ich wollte mich weder in Kassel noch in Athen niederlassen. Mir ging es um die Wahrung einer Distanz, die man gelegentlich braucht, um besser sehen zu können.

Die verkehrte Hierarchie der Sinne

Was war deine erste Idee nach der Einladung von Adam Szymczyk, an der documenta mitzuwirken? Seit wann bist du mit ihm befreundet?

Aber meine Oma, die in einem Dorf in Kamerun lebt, hat dennoch keinen Zugang zur documenta. Deshalb überlegte ich, was wir tun können, um diese auch ihr näher zu bringen. 

Ich habe verfolgt, was er macht, persönlich kenne ich ihn aber seit 2014. Zu unserer ersten Begegnung kam es, als er eine Ausstellung im Kunstraum SAVVY Contemporary Berlin besuchte und wir anschließend essen gingen. Mein erster Einfall war ein Radioprogramm, denn ich dachte mir: Natürlich können wir mit der documenta so weitermachen wie bisher, aber diese auf das Radio zu erweitern, wäre noch spannender. Dass Adam Athen als Ort miteinbeziehen wollte, fand ich gut und wichtig. Aber meine Oma, die in einem Dorf in Kamerun lebt, hat dennoch keinen Zugang zur documenta. Deshalb überlegte ich, was wir tun können, um diese auch ihr näher zu bringen. Nicht physisch, aber hörend per Radio. Die Geschichte des Radios ist lang, und wir können dieses als weiteres Spielfeld für die Ausstellung nutzen, damit ein Teil von ihr auch außerhalb von Athen und Kassel empfangen werden kann. Das reizte mich. Während ich an einem Programm für „Every Time A Ear di Soun“ schrieb, ging mir durch den Kopf, dass wir uns zu sehr auf das Sehen und die Augen verlassen und darauf reduzieren. Das stört mich schon seit langem. Was wir in den 70ern durch Pauline Oliveros „Deep Listening“ erfahren haben, hatte mit der Frage zu tun, wie wir uns in der Welt über den Klang situieren können. Und so beschäftigte ich mich damit, wie wir über das Hören besser sehen können. Vielleicht ist die Welt besser zu verstehen, wenn wir sie über das Hören erfahren. Selbst hier auf der Biennale in Venedig, wo wir über die documenta reden, stellen wir fest: Man sieht Menschen, ohne sie wirklich zu hören. Die Berichterstattung in den Medien über Flüchtlinge schwankt zwischen Hyper-Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Es wird so viel darüber berichtet, dass man irgendwann übersättigt ist. Das ist auch eine unscheinbare Form der Manipulation. Die Flüchtlinge geraten entweder als gefährliche Menschen oder als Verzweifelte in den Fokus. Oder sie werden unsichtbar gemacht. Das ist kein Zufall, sondern ein bewusster Prozess. Da frage ich mich, was geschähe, könnten wir von dieser Art des Sehens Abstand gewinnen. Und: Warum besteht diese Hierarchie der Sinne, wonach Sehen qualifizierter als Hören sein soll? Dass wir unseren Augen mehr als unseren Ohren vertrauen, hat unter anderem mit der modernen Technologie zu tun. Wir werden von dem Visuellen und den Werbe- und Fernseh-Bildern überflutet. Es herrscht zu viel Licht. Im dänischen Pavillon hier auf der Biennale gibt es eine wunderbare Arbeit von Kirstine Roepstorff. In ihrem Hörstück über Dunkelheit lässt sie mehrere Samen miteinander kommunizieren. Ein Samen sagt, dass er, um zu wachsen, die Dunkelheit benötigt. Ein zweiter erwidert: „Man braucht doch Licht.“ Darauf ein anderer: „Nein, die Zeit unter der Erde ist dazu da, die Kräfte zu erneuern.“ Zu viel Licht vermittelt uns den Eindruck, dass wir sehen. Aber das stimmt so nicht. Dadurch, dass wir nur unsere Augen benutzen, verstummen alle anderen Sinne. In dem Zusammenhang erinnere ich Szenen aus meiner Kindheit. Bei meinen Großeltern wurden Geschichten erzählt, und gelegentlich hörten wir auch Radio. Dabei machtest du dir unweigerlich selbst eine Vorstellung von den dort beschriebenen Welten. Sie wurden dir nicht fertigzubereitet und auf einem Tablett serviert. Es verhält sich eben so: Wenn du etwas erzählt bekommst oder Radio hörst, bist du es, der sich dazu einen Film imaginiert. Du kannst in Kamerun Leute treffen, die dir von Paris so genau erzählen können, als wären sie selbst dort gewesen. Dabei kennen sie die Stadt nur durch Hören. Das Fernsehen kam nach Kamerun erst Mitte der 80er Jahre. Ich erinnere mich noch gut an die Weltmeisterschaft von 1986 in Mexiko City. Es gab Fans, denen es nicht genügte, das Fußballspiel zu sehen, und deshalb Radio hörten. Sie vermissten beim Blick auf das Spielfeld den Witz und die Wortspiele des Kommentators. Das Sehen selbst war ihnen zu direkt. Dass dieses heute eine solche Überbedeutung hat, mag mit der Dauerpräsenz der Medien zu tun haben. Es kann aber auch an der Faulheit liegen. Man bemüht sich einfach nicht mehr, Subtexte zu lesen. Angesichts von Ausstellungskritiken kommt es mir oft so vor, als ginge der Schreiber davon aus, dass die Leser alles vorgekaut bekommen und nur noch schlucken wollen. Das Kauen selbst interessiert diese nicht mehr. Dabei ist dies eine wichtige Tätigkeit. Denn ohne Kauen kannst du nicht verdauen. Man fragt, was ist die Verbindung? Wo finde ich den roten Faden? Doch wer sagt denn, dass es überhaupt einen roten Faden geben muss? Vielleicht gibt es blaue, grüne oder schwarze, eben tausend andere Fäden. Die permanente Reduktion auf den sprichwörtlich roten Faden gründet auf Faulheit. Vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass wir kaum noch lange, sondern nur noch Kurz-Texte lesen. Wir nehmen uns keine Zeit mehr. Alles muss schnell gehen und entsprechend kurz- und knappgehalten sein. Es ist ein Twitterformat. Wie beim Marketing wird ein komplexes Produkt auf einen Satz reduziert. Bloß nicht mehr als acht Wörter! So verhält es sich auch mit der herrschenden Ökonomie von Biographien. Man soll etwas über sich in nicht mehr als 150 Wörter sagen. Zu diesem „Not more than 150 words!“ wollte ich einmal eine Ausstellung konzipieren. Wird das von mir verlangt, sage ich: „Mein Name ist meine Biographie. Was soll ich in der Kürze über mich sagen?“ Das ist der zweite Grund.

Wie Wellen kommen und gehen die Diskurse. So etwas wie Nachhaltigkeit ist völlig außer Kurs. Man interessiert sich weder für Homosexuelle noch für Frauen und auch nicht für Schwarze.
 

Ein dritter könnte die Rolle der Medien in politischer Hinsicht sein. Was wird einem verkauft? An der Stelle kommen wir wieder zurück zu der Hyper-Sichtbarkeit. Es gibt nichts Hypersichtbares, alles wird hypersichtbar gemacht. Aber was für eine Politik verbirgt sich dahinter? Vor kurzem verfasste ich einen Essay über die Frage, was ein „global museum“ überhaupt sein soll. Dazu läuft derzeit in einigen deutschen Museen ein Projekt. Aber wieso? In meinem Text gehe ich dem nach, wie Diskussionen und Diskurse in Wellen verlaufen. Vor einigen Jahren sollten mehr homosexuelle Künstler in die Museen. Nach zwei Jahren war das wieder vergessen. Schließlich waren die Frauen und irgendwann die Schwarzen an der Reihe. Auch das verging bald wieder. Jetzt ist die Frage nach dem globalen Museum angesagt. Es wird nicht lange dauern, bis auch dieses Thema durch ein anderes ersetzt wird. Wie Wellen kommen und gehen die Diskurse. So etwas wie Nachhaltigkeit ist völlig außer Kurs. Man interessiert sich weder für Homosexuelle noch für Frauen und auch nicht für Schwarze. Aber es gibt diese Agenda, die besagt, wir müssen diese Welle reiten. Sobald man gestrandet ist, wird wieder alles stehen und liegen gelassen, als wäre nichts gewesen. Und diejenigen, denen für einen Moment die Schein-Aufmerksamkeit galt, sind wieder vergessen. Manche nehmen am Strand ihr Bad in der Sonne, mehr nicht. Ich würde gerne wissen, ob und wie sich die Museen so gestalten lassen, dass uns die Existenz dieser Menschen von vornherein bewusst ist. Eigentlich ist die Zeit vorbei, da wir Museen errichten, die nur die Wünsche von hetero-normativen, weißen Männern befriedigen, anstatt alle fünf Jahre einen neuen Hit zu kreieren. Das ist schrecklich langweilig. Bei der Eröffnung des Symposiums zum „Museum Global“ im Hamburger Bahnhof bedankte sich der Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann dafür, dass man ihm mit dem Thema noch mehr Arbeit beschert. Es ist einfach so, dass sie es machen müssen, weil dafür das Geld da ist. Worum es wirklich geht, bleibt unklar.

Radio als Kunst

Kommen wir auf das Konzept zurück, das dem Radioprojekt der documenta zugrunde liegt.

Ich betrachte das Radio nicht so sehr als Medium, denn als Ausstellungsort und das Radiomachen als Kunst. Laut Bertolt Brecht ist das Radio ein Kommunikationsapparat. Denn man sendet etwas, und es kommt etwas zurück. Natürlich mussten wir uns für Radiosender entscheiden. Zu denen, die wir für das Mapping ausgesucht haben, gehören SAVVY Funk in Berlin, Radio Beirut, WPEW 83,3FM in Washington und Rádio MEZ FM in Rio de Janeiro. Außerdem Radiosender aus dem Libanon, dem Kamerun, aus Indonesien und Griechenland. Ich erhielt Briefe aus Indien, in denen Hörer ihre Freude darüber zum Ausdruck brachten, dass sie dank der documenta Sender aus anderen Ländern empfangen können.

Wenn auch Radiosender überall in der Welt existieren, so doch immer nur für sich. Es ist der Verdienst der documenta, einen Austausch zwischen den verschiedenen Sendern zu ermöglichen. Drum baten wir die Redakteure darum, einen Blick in ihre Archive zu werfen. Und so geschah es, dass ein alternativer, von Künstlern betriebener Radiosender in Indonesien einen Tausch mit Libanon machte. Apropos Konzept, unsere Frage war, wie wir die Bedeutung von Wörtern überschreiten und Dinge mithilfe von Klängen verstehen können? Wenn ich eine politische Debatte auf Indonesisch höre, ohne die Sprache zu verstehen, so findet dabei eine Kommunikation unterhalb der Wörter über Emotionen statt. Darauf bezieht sich Nasan Tur mit seinem Soundstück, das er aus politischen Reden machte, indem er die Wörter herausschnitt. Man hört nur die Zwischenräume wie ein Zischen, und das ist extrem spannend. Wir neigen dazu, die Zwischenräume wie den zwischen dem, was lebt, und dem, was nicht lebt, zu übergehen.

Woher rührt dein Sinn für Zwischenräume?

Von meinem Großvater. Er gehörte einer Gruppe namens Nkwifon an. Damit sind Wesen bezeichnet, die der Nacht verbunden sind, weil man sie nicht sehen darf. Darüber kursieren viele Mythen, die besagen, dass du in eine Ameise verwandelt wirst, sobald du diese Wesen zu Gesicht bekommst. Ja, mich bewegt seit jeher die Frage, wo diese beheimatet sind, wobei ich nicht weiß, ob das Wort „beheimatet“ in dem Zusammenhang überhaupt passend ist. Als Zwischenraumwesen sind sie weder Mensch noch Tier. Indirekt berührt das gerade Gesagte auch die Frage, worauf wir uns beziehen, wenn wir Wissen produzieren. Daneben die Frage, an wen adressiert ist, was ich als Ausstellungsmacher mache. Natürlich für die Besucher der Ausstellung, die mir ebenso wichtig sind wie meine Großeltern. Vieles von dem, was ich mache, ist vom Radio beeinflusst. So auch die von mir im letzten Jahr konzipierte Ausstellung „The Incantation of the Disquieting Muse“ über das Göttliche, das Hypernaturelle und das, was man landläufig Hexerei nennt. Mir war zunächst nicht klar, was mich dazu bewog, das Projekt zu realisieren. Von Hexerei war letztendlich überhaupt keine Spur. Vielmehr versuchten wir die sogenannte Hexerei als Wissenschaft, Kunst oder Philosophie zu begreifen. Aber zurück zum Radio: Als ich ein Kind war, hörte mein Vater die Sendung „L’aventure mystérieuse“ und „L’esprit des contes“ auf dem in Gabun stationierten Radiosender „Radio Africa No.1“. Es war so schön wie gruselig. Denn da sprachen verstorbene Seelen als Geistwesen über Medien mit den Lebenden. Diese Medien als Figuren an einem Übergangsort wecken meine Aufmerksamkeit. Und mein Vater, ein Anthropologe, hat sich intensiv damit beschäftigt, und ich hörte oft mit. Da, wo ich herkomme, ist es etwas vollkommen Normales, das egal, aus welchem Grund du stirbst, deine Verwandten den Kontakt zu dir aufnehmen und versuchen, dir den Weg zu ebnen. Vom Jenseits aus kommunizierst du mit den Menschen im Diesseits, um sie zu schützen und zu warnen. Bei der Arbeit an der Ausstellung musste ich viel an meine Kindheit, speziell daran denken, sowie daran, was ich gehört habe. Warum sollten diese Erfahrungen nicht in meine Praxis als Ausstellungsmacher einfließen.

Das Hören geht dem sehen voraus

Kommen wir zu den Sound-Beiträgen der Künstler für das documenta-Radio!

Es war mir wichtig, dass Künstler aus ihren Bahnen ausbrechen und etwas machen, das sich nicht über das Sehen, sondern über das Hören vermittelt. Ein Ausgangspunkt waren die Reflektionen in dem Buch „Disciplinary Decadence: Living Thought in Trying Times“ des karibischen Philosophen Lewis Gordon. Menschen neigen dazu, in der Hermetik einer Disziplin verharrend, zu Fachidioten zu werden. Da herauszukommen, scheint nicht einfach zu sein. Ich selbst lasse mich gerne auf lange Gespräche ein. Weil ich es selbst vorziehe, außerdisziplinär zu arbeiten, finde ich es spannend, einen Künstler zu einem Beitrag für das Radio zu bewegen, der in seiner eigenen Praxis noch nie zuvor mit diesem Medium in Berührung gekommen ist. In den meisten Fällen ist dies gelungen.

Zum Beispiel führe ich seit 2010 regelmäßig mit Halida Boughriet Gespräche. Eines Tages fragte ich sie, ob sie nicht Lust hätte, ein Soundstück zu machen. Sie ließ sich darauf ein und kreierte eines, das mit kongolesischer Musik beginnt. Sie selbst ist Parisern algerischer Abstammung. Kennengelernt habe ich sie in Algerien, als ich dort Ausstellungen machte. Ihr Stück handelt unter anderem von einem Typen, der von Mali Richtung Frankreich aufbricht. Er erzählt, wie grausam dies war, ohne Mitleid zu erwarten. Man hört Musik aus allen möglichen Regionen der Welt und hat dabei den Eindruck, einen Film zu sehen. Ich habe aber auch Soundkünstler wie Olaf Nicolai um Beiträge gebeten. Sein Klangkunstwerk „In the woods there is a bird“ beruht auf archivierten Soundmaterialien von Radioberichten und nimmt das Radio als Ausgangspunkt und nicht als bloßes Übermittlungsmedium. Nicolai erforscht die Beziehung von Klang und Inhalt auf der Grundlage diverser Quellen wie das Hintergrundrauschen von Demonstrationen, Randalen und Kundgebungen, die für das Radio aufgenommen wurden. Er interessierte sich dafür, wie Demos im Radio repräsentiert werden. So werden die verschiedensten Stimmungslagen erzeugt. Jan-Peter E.R. Sonntag erzählt eine Geschichte des Radios. Einsetzend mit dem Manifest zum Radio von Filippo Tommaso Marinetti bis zur heutigen Zeit. Insgesamt habe ich 30 Radiostücke kombiniert. Für dieses Projekt lud ich auch Markus Gammel ein, der ein Kunstprogramm im Deutschlandradio macht und Soundstücke auflegt. Mit ihm habe ich viel diskutiert. Um zu kooperieren, wählten wir überall auf der Welt bereits existierende Radiosender aus. Anders hier bei uns in Deutschland. Uns kam es darauf an, in Berlin einen ganz neuen Sender aufzubauen. Für „SAVVY Funk“ luden wir Künstler/innen dazu ein, ein 24-stündiges Radioprogramm an 22 Tagen zu gestalten, und zwar in Zusammenarbeit mit Studierenden des Lehrstuhls für Experimentelles Radio an der Bauhaus-Universität Weimar. Da lassen Natascha Sadr Haghighian und Nicholas Bussmann jeden Tag jemand anderen Nachrichten singen. Das kenne ich aus Mali. Einer liest Nachrichten, während ein anderer darauf mit einem Laut reagiert, wie beim Pingpong. Mit dieser Idee spiele ich, und das lässt sich in vielen Kulturen der Welt wiederfinden. Was die Verbreitung von Nachrichten betrifft, so denke ich an Marktplätze, wo man hört, wie einer erzählt, was in einem anderen Dorf passiert ist. Das veranschaulicht das Hin und Her, von dem Brecht auf das Radio bezogen sprach. Ein weiterer Künstler ist Ahmet Öğüt, der, stark politisch arbeitend und an das Konzept des Piratenradios anknüpfend, in seinem „Piratenradio“ Anwälte, Fachleute für Einwanderungsrecht, Sozial- und Kulturarbeiter, Musiker, Vertreter städtischer Subkulturen sowie feministische und LGBTQI+-Aktivistinnen zu Wort kommen lässt. Die Themenpalette reicht von radikaler Pädagogik über Konzepte wie Stadtbürgerschaft, selbst erklärter Mikronation bis hin zu Künstlerrechten, alternativen Währungen, bedingungslosem Grundeinkommen, immaterieller und prekärer Arbeit. Außerdem geht es um Eigeninitiative, aktive Teilhabe und Autonomie als notwendige Voraussetzungen für den Widerstand von ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen, Nichtstaatsbürgern und Menschen ohne Aufenthaltstitel. Und Satch Hoyt kreierte ein Stück über die Verkörperung von Klängen. Dazu führte er auch ein Interview mit Tsitsi Jaji, Fred Moten, Kodjo Eshun. Das Thema ist die Barbarei des transatlantischen Sklavenhandels und, wie der Sound und die Musik dadurch überlebten, dass diese von Sklaven verkörpert wurden. Hoyt verfolgt die Wanderungen des afrikanischen Beat anhand von Tonbeispielen, die von den frühesten völkerkundlichen Feldaufnahmen bis hin zu neuen, noch unveröffentlichten Tracks aus den Kreisen der transnationalen afrikanischen Diaspora und weit darüber hinaus reichen.

Das Kollektiv „Saout Radio“, zu dem sich die Italienerin Anna Raymondo und der Marokkaner Younes Baba-Ali zusammenschlossen, sammelt Klänge vor allem aus arabische Ländern. Der Name ihres Senders „Saout Africa(s)“ spielt mit dem englischen Wort „south“ und dem arabischen „saout“ in der wörtlichen Bedeutung von „Stimme“ oder „Klang“, außerdem mit den diversen Deutungen „Afrikas“. Jenseits von monolithischen Auffassungen und geografischen Abgrenzungen sowie jenseits der mit dem Wort „Afrika“ verknüpften Klischees kultiviert Saout Africa(s) ein fließendes Ein- und Untertauchen. Dabei löst sich der Begriff der Grenze auf, wodurch ein ästhetischer und politischer Zeit-Raum des Hörens entsteht. Raimondo und Baba-Ali reaktivieren die Archive von Saout Radio anhand verschiedener Stimmen und aktueller Live-Auftritte und beleben zugleich ein internationales Netzwerk. Sie eröffnen individuelle wie kollektive Perspektiven auf mögliche Afrika(s) und bieten ein Panorama heutiger Radiokunst.

Nun gibt es keine Kultur, die kein Bastard ist. Vielleicht ist das Radio-Projekt eine Kritik an der Behauptung, es gäbe so etwas wie eine reine Kultur.

Die Tatsache, dass du selbst so etwas wie ein Kulturbastard bist, spiegelt sich in dem Konzept deines Radioprojekts wider, welches die verschiedensten Kulturen zusammenbringt.

Nun gibt es keine Kultur, die kein Bastard ist. Vielleicht ist das Radio-Projekt eine Kritik an der Behauptung, es gäbe so etwas wie eine reine Kultur. Es gibt kein Reinheitsgebot für Kulturen. Wenn man liest, was Bundesminister Thomas de Maizière in seinem zehn Punkte umfassenden Katalog zur Skizzierung einer deutschen Leitkultur vor kurzem verzapft hat, fragt man sich, wie schwachsinnig wir immer noch sind. Nach wie vor neigen wir dazu, andere auszugrenzen, und halten an dem Schwachsinn fest, es gäbe eine homogene und geradlinige Kultur. Natürlich bin auch ich ein kultureller Bastard. Das Problem ist nur, dass viele dies nicht akzeptieren wollen. Man versucht, uns weißzumachen, es gäbe ein reines, homogenes deutsches Volk. Das ist ein großer Irrtum. Entweder das deutsche Volk ist extrem heterogen, durchmischt und durcheinander, oder es existiert überhaupt nicht. Es ist so, wie du es bei Hans Haacke in seiner Arbeit in Kassel lesen kannst: „Wir (alle) sind das Volk.” Ob Menschen in Deutschland es mögen oder nicht, dadurch, dass ich hier lebe, meine Kinder hier aufwachsen, ich meinen Beitrag zum Aufbau der Gesellschaft leiste und natürlich meine Steuern hier bezahle, bin ich Teil dieses Landes. In dem, was ich in Berlin tue, greife ich diese Themen auf. Ein Problem ist, dass uns dieses nationale Denken so maßlos korrumpiert hat. Denn wir wollen unsere Privilegien sowohl auf kultureller als auch auf wirtschaftlicher Ebene nicht mit anderen teilen. Wahre Humanität und Humanismus existieren erst von dem Augenblick an, da die Privilegien geteilt werden. Wenn wir denken, wir verträten eine hohe Kultur, also so etwas wie eine Hoheit auf dem kulturellen Sektor, so impliziert dies eine gewisse Macht über andere Kulturformate und Inhalte. Wir behaupten zwar, diese Kultur sei die unsrige, aber in Wahrheit teilen wir sie mit anderen oder haben sie von anderen approbiert. Seit jeher reisen Menschen durch die Welt und erzählen sich Geschichten, und so ist es nur natürlich, dass alle Kulturen durchmischt sind. Über das Radio haben wir die Möglichkeit, unterschiedliche Stimmen zusammenzubringen. Ich behaupte weder, dass alle Menschen gleich sind. Noch versuchen wir, es zu sein. Es gibt keine Beziehungen ohne Unterschiede, wie Edouard Glissant einst sagte. Wir respektieren unsere Unterschiede und nehmen Beziehungen zu anderen auf. Das Problem ist, dass wir, um unsere Unterschiede zu behaupten, es unterlassen, Beziehungen zu anderen zu knüpfen. Dabei sollten wir gerade wegen der Unterschiede dies tun. Durch die Stimmen im Radio schaffen wir weltweit Beziehungen.

Wie hast du das Motto „Von Griechenland lernen“ aufgefasst?

Man kann es wie folgt sehen: Mit der Etablierung von Machtverhältnissen gibt es einen, der von sich behauptet, oben zu sein, und vom anderen, dass er unten ist. Doch dies ist nur eine Behauptung. Derjenige, der sich über den anderen erhebt, kann genauso gut von demjenigen lernen, der unten ist. So könnte man das Motto verstehen. Ich selbst denke dabei an die Zerstörung von Wissen durch Schaffung eines universellen Wissens, das sich einbildet, wichtiger als ein anderes zu sein, und es deshalb für legitim hält, andere zu „zivilisieren“. Die Folge dieser Zwangszivilisierung war der Verlust von Wissen. Es gehört zu meiner Praxis, mich mit Wissen aus dem Süden auseinanderzusetzen, und zwar auch hier im Norden. Laut der Wirtschaftsskala in Europa befindet sich Griechenland am Ende der Kette.

Ich sehe Athen als Prisma, durch welches wir die Welt wahrnehmen können.
 

Wenn die documenta mit seinem „Von Athen lernen“ für Griechenland Partei ergreift, so weite ich das Motto vor dem Hintergrund, dass griechische Philosophen reisten, um die Welt zu ergründen, weiter aus, indem ich sage: Athen kann von Kamerun, Laos und/oder Kenya lernen. Das sage ich aus einem einfachen Grund. In einem Beitrag, den ich für das Magazin „South“ schrieb, zog ich Parallelen. Denn vieles von dem, was in Athen passiert, kommt mir arg bekannt vor. Ich habe nicht nur ein Déjà-vu, sondern auch ein Déjà-vécu. Anfang der 90er Jahre erlebten wir in Kamerun, wie Menschen an Bankautomaten Geld zu ziehen versuchten, doch sie bekamen keines, obwohl es ihres war. Meine Familie musste dies erleben, weil Frankreich eine Geldentwertung anordnete. Über Nacht war das Geld nur noch die Hälfte wert. Die Reichen und die Politiker, die das vorher wussten, hatten ihr Geld rechtzeitig aus dem Land geschafft. Später brachten sie es wieder zurück, und es hatte sich verdoppelt. Ja, es ist notwendig, dass wir andere Koalitionen bilden und andere Machtstrukturen schaffen. Das heißt: Wenn die Griechen nach Kamerun oder Argentinien blicken, werden sie feststellen, dass die Währungsunion ihr gemeinsamer Feind ist. Diese zwingt uns Strukturen auf. Ich sehe Athen als Prisma, durch welches wir die Welt wahrnehmen können.

von Heinz-Norbert Jocks

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