Ausstellungen: Berlin · von Johannes Gachnang · S. 238
Ausstellungen: Berlin , 1978

Siegfried Gohr

Jörg Immendorffs ‚Cafe Deutschland‘

Jörg Immendorff hat mit Vehemenz auf Renato Guttusos ‚Gaffe Greco‘ geantwortet.

Er traf auf Guttusos Malerei während der letzten Biennale in Venedig. Der Zufall der Ausstellungsregie ordnete die Räume der beiden Künstler nebeneinander. Immendorff spürte damals die Herausforderung durch eine Handhabung des Realismus, die er richtigstellen wollte.

Ein Dialog in Bildern setzte ein, von Immendorff ohne persönlichen Kontakt mit Guttuso geführt.

Immendorffs Kritik zielte auf einen Realismus, der purpurfarbenen Plüsch angesetzt hatte.

Das ‚Gaffe Greco‘ von Guttuso bezieht sich auf die Atmosphäre des heutigen Touristenlokals in der Via Condotti in Rom. Einige historisierende Reminiszenzen sind eingeblendet: De Chirico und Buffalo Bill, eine Figur von Duchamp, eine Skulptur von Picasso, die Kunst der Antike usw. werden in das Cafe zitiert. Das ‚Caffe Greco‘ hat die Eigenschaften eines Suchbildes für Kenner der Kulturszene Roms in den letzten vierzig Jahren.

Die Collage-Technik voraufgegangener großer Kompositionen hat Guttuso in diesem Bild modifiziert; fast unmerklich sprengen Brüche an den Rändern der Figurengruppen die einheitliche Raumwirklichkeit auf. Guttuso schafft auf diese Weise die Zonen für seine rückblickenden Assoziationen.

Auch Immendorff behandelt Geschichte. Jedoch nicht die kunsthistorische und kulturgeschichtliche Bedeutung eines Cafes, sondern – wie in einem Brennspiegel -die politische Konstellation im Deutschland des Jahres 1978. Er greift das exakte Maß von 282 x 330 cm des Guttuso-Bildes auf, um die Größe seiner Komposition zu bestimmen. Über die räumliche und intellektuelle Distanz hinweg bilden die beiden Gemälde also ein Pendant. Durch die ebenso sinnfällige wie abstrakte Entscheidung für das ganz bestimmte Bildformat entsteht zwischen den Werken vorab, d.h. vor…

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