Ausstellungen: Paris , 1983

Kunstbrief aus Paris

Als seien wir aus uns heraus getreten und blickten auf eine gewesene Kultur zurück
von Marie Luise Syring

Beginn der Saison 1982/1983: die XII. Biennale von Paris, die Biennale der unter Fünfunddreißig-jährigen. Fünfundvierzig Länder haben teilgenommen. Um sich von den großen internationalen Veranstaltungen in Venedig, Kassel und Berlin zu unterscheiden, waren die Organisatoren dieser Biennale darauf bedacht, den Akzent nicht auf die Malerei zu legen, sondern auf die Vielfalt der sonst noch angewandten „Mittel“ zur Kunst: Photographie, Video, Experimentalfilm, Musik- und Toninstallationen. Wolfgang Becker hatte seine Auswahl für Deutschland zwischen „Apokalypse“ und „narzistischer Virtuosität“ angelegt. Die Apokalypse spielt sich „draußen“ ab; der Künstler der 80er Jahre, schreibt er, isoliere sich indessen in der Enklave seines Ateliers und nehme die Verantwortung für die Realitäten nicht mehr auf sich. Was auch immer dies heißen möge, vielleicht trifft es auf Arbeiten zu, wie sie Fernand Roda, Peter Chevalier oder Stephen Dillemuth hier gezeigt haben. Nicht aber auf die von Marcel Odenbach, Klaus Schulz oder Hartmut Neumann. Gerade Neumanns Bilder, beunruhigend, scheinbar absurd, schwer lesbar, mit Gestalten, die sich in einem abstrahierten, metaphorischen Raum bewegen, sagen viel von dieser Wirklichkeit, die wir begonnen haben, posthistorisch zu nennen. Im Zwiespalt zwischen einer Zivilisation, die sich selbst zerstört und dem Sehnsuchtsreservat, das die Natur darstellt und mit dem wir leichtfertig spekulieren, verstehen wir uns nämlich inzwischen selbst als Nachgeschichtliche; als ob wir schon außerhalb der Zeit stünden; als seien wir aus uns herausgetreten und blickten auf eine gewesene Kultur zurück; als wären wir nicht mehr in…

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