Titel: Skulptur und Farbe I , 1983

Bernhard Kerber

Skulptur und Farbe

Vorbemerkung

Malerei und Plastik, flächiges und räumliches Vorgehen also, sind grundsätzlich unterschiedene Medien. Es liegt nahe, ihre Beziehung als Konstrastsystem, als Paragone zu verstehen, doch ist auch ein affirmierender Einsatz der Raumenergien der Farbe im Verhältnis zum plastischen Volumen denkbar.

Bis in das 19. Jahrhundert und z.T. darüber hinaus wird nicht nur Skulptur, sondern auch Farbe von ihrer Abbildungsfunktion her darstellend oder „ikonologisch“ verstanden und eingesetzt als Lokalfarbe und/oder als mittels der Zeichnung begrenzte, nicht aber als autonome, eigengesetzliche. Erst die Befreiung aus dienender, fremde Sinndimensionen transportierender Funktion als Bemalung macht Farbe zu einem echten Dialogpartner plastischen Volumens. Dann treten Faktizität und Optizität, Daseinsform und Wirkungsform in Wechselwirkung.

Farbe kann das Volumen bestätigen oder ihm widersprechen, sie kann die expressiven Momente steigern, eine virtuelle Kinetik suggerieren, als Signal auftreten, Kontinuität oder Diskontinuität artikulieren, Farbräume erzeugen, ja sogar selbst als formbestimmende Komponente auftreten. Sie kann die Skulptur aus den Bedingungen der Empirie, aus ihrer Abhängigkeit von Betrachterstandpunkt und Beleuchtung lösen. Vor allem aber kann Farbe – und das ist sicher ihre nobelste Fähigkeit – die Frage nach der Realität der Skulptur aufwerfen, von der Augentäuschung zur Geistestäuschung hinüberführen und Reflexion stimulieren. Von diesen und anderen Verfahren soll hier die Rede sein.

Nicht behandelt wird das Relief als Übergangsform zwischen Malerei und Skulptur. Ausgeklammert bleiben auch all jene Versuche, die seit Moholy-Nagy die Farbe als Licht von einem haptisch faßbaren Träger lösen. Schließlich werden jene Farbverwendungen nicht angesprochen, die eine abbildende Funktion übernehmen, als Alibi für plastisches Defizit dienen, oder sich nur materialgerecht…

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