Kommentar · von Klaus Honnef · S. 180
Kommentar , 1976

Klaus Honnef

Tagebuch

New York-New York

Montag, den 10. November

Es fing alles ganz normal an. Ich holte die Flugkarte im Reisebüro ab, unweit des Bonner Hauptbahnhofs, von wo der Bus abgeht zum Köln-Bonner Flughafen. Ich hatte ausreichend Dollars eingekauft und mich mit einem handlichen Stadtplan von New York City ausgerüstet. Die Reisetasche war gepackt, und ich der festen Überzeugung, nichts vergessen zu haben. Der Bus erreichte mehr als eine Stunde vor Abflug den Flugplatz, Zeit zum Check-in. Dann wartete ich. Eine halbe Stunde. Einmal hörte ich über den Lautsprecher etwas, das wie mein Name klang. Aber da dies unwahrscheinlich schien, rührte ich mich nicht. Ich wartete weiter. Schließlich entschloß ich mich, die Sache in die Hand zu nehmen. Ich trat an den Flugschalter der Lufthansa und erfuhr, daß Evelyn Weiss draußen vor der Sperre schon geraume Zeit meiner harrte, um mir die Flugkarte zu übergeben. Mich durchfuhr ein jäher Schreck. Ich hatte also zwei Flugkarten nach New York, wohin wir der documenta 6 halber fliegen wollten. New York besser: Manhattan. Vor mehr als drei Jahren bin ich das letzte Mal dort gewesen. Auch für die documenta, für documenta 5. Die Situation hat sich seither geändert. Damals galt New York als eine der unsichersten Städte der Welt, die Leute verkrochen sich abends in ihre Häuser. Im Flugzeug sah ich William Friedkins ‚French Connection‘. Mir war so, wie einem Ehemann, der mit Montherlants misogynen Geschichten auf die Ehe vorbereitet wird. Jetzt ist nicht die Unsicherheit auf den Straßen beherrschendes Thema, wenn New York erwähnt wird,…

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