Titel: Westkunst , 1981

Zurück zur Begabung

von Georg Jappe

Wer gleich die Quintessenz haben will, kann die ersten Absätze überschlagen. Ich will zunächst schildern, wie ich zu den Überlegungen gekommen bin.

Verunglückt, seit Monaten in Gips und an Krücken, bin ich zum ersten Mal in der Situation eines Kunstinteressierten, der viele Kritiken gelesen und viele Leute gehört hat, auf deren Urteil er etwas gibt, selbst aber den Gegenstand der Bewunderung und Aufregung noch nicht gesehen hat: die „Westkunst“. Ich kann mir vorstellen, wenn es zur Besichtigung kommt, wird sich meine Vermutung bestätigen, wie stark Präinformation auch Prädeformation ist.

Verblüffende Übereinstimmungen: auch jüngste Gegenkünstler, die persönlich Malerei weit von sich weisen, sprechen geradezu ehrfürchtig über die Suiten von Wols oder Bacon, die sie zum ersten Mal im Original sehen; selbst so konservative Kritiker wie Beaucamp oder Kipphoff halten das Fehlen der siebziger Jahre für ein Scheitern der Konzeption; allgemeines Bespötteln des Appendix‘, in Köln flugs „Jugend forscht“ getauft (und die Künstler, die ich sprach, wurden nicht von Koenig, sondern von ihrem Galeristen dazu auserwählt); niemand, der die These von der „Unverbrauchtheit“ (scheußliches Gesundheitswort) und „Gleichzeitigkeit“ für neu hält oder auch nur thesenhaft – ohne diese Auffassung von Kunst gäbe es ja gar keine Museen.

Auf einem Empfang saß ich und glaubte mich um ein Dutzend Jahre zurückversetzt: Museumsdirektoren aus aller Welt, strahlende Kunsthändler, umschwärmte Künstler, gewichtige Kritiker, imposante Sammler – alles very international und small talk. Die große Kunstkoalition um 1969, wie für einen Film noch einmal nachgestellt. Und in der grandiosen Stimmung verloren (und fast immer gestiefelt) die…

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