Titel: 150 Jahre Fotografie III · von Klaus Honnef · S. 250
Titel: 150 Jahre Fotografie III , 1977

3.2. Systematische Bestandsaufnahme

Von der Fotoreportage hebt sich die Fotografie der systematischen Bestandsaufnahme in zweierlei Hinsicht ab: Einerseits ist sie umfassender angelegt, andererseits hängt sie weniger vom avancierten Stand der technischen Entwicklung ab als diese. Der Unterschied zwischen beiden fotografischen Methoden liegt in der unterschiedlichen Haltung ihrer Repräsentanten. Fotografen, die einen bestimmten Komplex der Wirklichkeit in seiner Gesamtsicht vergegenwärtigen wollten, finden sich schon früh. Hermann Biow etwa ging bereits in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts daran, in Berlin eine ‚Nationalgalerie fotografischer Porträts‘ herzustellen. Einhundertsechsundzwanzig Bilder dieser Nationalgalerie veröffentlichte er vor seinem Tode im Jahre 1850 als Lithografien. Ähnliche Bestrebungen verwirklichte Mathew Brady in Washington. Er richtete nicht zuletzt deshalb sein Atelier in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten ein, weil er sämtliche amerikanischen Politiker, die dort tätig waren, ablichten wollte. Beide bedienten sich noch der Daguerreotypie als fotografischer Technik.

Bradys Ziel war es, eine durch die führenden politischen Köpfe verkörperte Bildgeschichte der USA zu ‚verfassen‘. Nicht von ungefähr verstand er sich als Historiker. Der Fotografie einer systematischen Bestandsaufnahme fehlt, was die vorbildliche Reportage auszeichnet: die Absicht zu entlarven. Kann man den Fotoreporter mit einem Soziologen vergleichen, der die Erscheinungen der Wirklichkeit hinterfragt und darauf erpicht ist, ihre Zusammenhänge auszuloten oder gar zu erhellen, gleicht der Fotograf, der eine systematische Bestandsaufnahme der Wirklichkeit betreibt, eher einem Historiker. Wie dieser versammelt er Fakten, hält Vergängliches für die Nachwelt fest, um es ihr als historisches Material über die Zeiten zu retten. Hat der Fotoreporter ein Thema, das er visualisiert um sich dann einem anderen Thema…

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