Titel: Farbe und Architektur , 1983

De Stijl, Bauhaus, Taut

Zur Rolle der Farbe im Neuen Bauen

von Rainer Wick

Unser Gedächtnis ist kurz, oder anders, unser Geschichtsbewußtsein ist schwach entwickelt, was ungefähr auf dasselbe hinausläuft. Oder wie sonst wäre es zu erklären, daß wir es für eine besondere Errungenschaft der letzten 10 bis 15 Jahre halten, daß in unseren Städten die Farbe Einzug gehalten hat – manchmal dezent zurückhaltend, manchmal „poppig“ aufdringlich? Denn bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß das, was in unseren Tagen zwischen den Polen einer streng tektonischen Farbigkeit einerseits und einer architektonische Gegebenheiten unbekümmert ignorierenden freien Haus- und Fassadenbemalung andererseits stattfindet, in mancher Hinsicht als eine Duplizierung dessen erscheint, was schon einmal in den 20er Jahren gedacht, diskutiert und praktiziert worden ist.

Hieran zu erinnern, auf vergessene Quellen unseres gegenwärtigen Umgangs mit Farbe in der Architektur zu verweisen, die Grundsätzlichkeit (in einigen Punkten sogar die aktuelle Gültigkeit) der damaligen Überlegungen zur farbigen Gestaltung von Architektur anzudeuten, ist das Anliegen des folgenden Beitrags von Rainer Wick.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß Architektur und Farbe immer zusammengehörten, daß sogar die Architektur des 19. Jh. keineswegs so farblos, ja farbfeindlich war, wie dies allgemein angenommen wird (siehe dazu den Beitrag von Christel Darmstadt). Sinngemäß das gleiche gilt auch für die Architektur der 20er Jahre, die allerdings selbst von Fachleuten häufig mit schneeweißen, also im Grunde „farblosen“ Baukörpern assoziiert wird. Obwohl natürlich nicht ganz falsch, ist dieses Bild doch einseitig. Zwar ließen zahlreiche Architekten des Neuen Bauens tatsächlich keine andere als eine weiße Architektur gelten, doch wird man sich…

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