Essay · von Georg Jappe · S. 53
Essay , 1975

Georg Jappe

Eine Bürgerinitiative für Kunst

Nach der Rede von Helmut Schmidt zur Eröffnung des Deutschen Künstlerbundes zirkulierten die Antworten von Brandt und Kohl auf den Brief, den rund 150 Künstler zur Sozialenquote und zum Fall Staeck unterzeichnet hatten. Spontan waren einige Leute der Meinung, nach so vielen Wohlwollensäußerungen dürfte es nun nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben. Den Politikern wären nun praktische Forderungen zur Kenntnis zu bringen, die nicht viel Geld kosten sollten, aber geeignet wären als ‚geistige Spritzen‘ gegen das Depressionsklima. Über die sachlichen Punkte eines Mindestkatalogs war man sich rasch einig; als am Abend der zweiten Sitzung die Initiatoren den blassen Rest zwischen durchgestrichenen Formulierungen zusammenlasen, um abgekämpft und skeptisch dennoch ihre Unterschrift darunter zu setzen, sagte der notorische Optimist unter ihnen: damit kriegen wir tausend Unterschriften, ja zweitausend! und löste einen allgemeinen Anfall von Galgenhumor aus. (Ironie des Schicksals: das Datum des Appells sollte mit dem Datum meiner Kündigung durch die FAZ zusammenfallen – wie sich am nächsten Morgen herausstellte. Mein Chef, Propyläen-Berater Joachim Fest, hatte nicht selbst unterschrieben; das kann man aus entsprechenden historischen Studien lernen. Unterschrieben aber hatte er kurz zuvor zwei maßlos beschimpfende Briefe an mich, einen Halbsatz von mir über die gescheiterten Propyläen-Interessen am nächsten documenta-Katalog betreffend).

Inzwischen sind über 10.000 Unterschriften eingegangen, und die Aktion läuft weiter. Nicht nur die Politiker, wir alle, die wir die Kunstszene zu kennen glauben, haben die Resonanz für kunstpolitische Fragen weit unterschätzt. Der Aufruf ‚Kunst ist kein Luxus‘ lag in Museen aus, wurde von Galerien und Verbänden verschickt, in Zeitschriften…

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