Essay · von Klaus Honnef · S. 192
Essay , 1980

Klaus Honnef

Einwürfe

Lektüre anfangs Januar

Im sexuellen Trieb erblickt Eduard Fuchs den Motor jeder künstlerischen Handlung. Er bringt die Kunst in direktem Zusammenhang mit der Fortpflanzung, interpretiert das Schöpferische als einen Zeugungsakt. Ich weiß nicht, ob diese Ansicht sich in der simplifizierten Form halten läßt. Eine der Schlußfolgerungen, die Fuchs daraus zieht, wird aber sicherlich Protest hervorrufen. Sie spricht den Frauen die Fähigkeit ab, sich schöpferisch betätigen zu können. Später relativiert er seine Meinung etwas, ohne sie grundsätzlich aufzugeben. Wichtiger erscheint mir eine zweite Schlußfolgerung, insbesondere vor dem Hintergrund heutiger avancierter Kunst: „Kunst ist Sinnlichkeit“ und „Kunst ist niemals etwas anderes als das Nachschaffen des Sinnlichen“. Dementsprechend manifestiert sich als hauptsächliches Stoffgebiet der Kunst, als Quelle der Inspiration und als bevorzugter Gegenstand, gemäß Fuchs‘ Argumentation, die Erotik. „Erotik ist betätigte Sinnlichkeit“. In seiner dreibändigen Geschichte der erotischen Kunst breitet Fuchs eine Fülle von Material aus, um seine These zu belegen, wonach beinahe alle großen Künstler bewußte oder unbewußte Erotomanen gewesen sind. „Die Erotik entfesselt im Menschen die stärksten und die andauerndsten Leidenschaften, sie löst alles Große und Ewige aus, was im Menschen lebt und wirkt, sie entfesselt aber auch alles Niedere und Infame, was als barbarisches, tierisches Rudiment in der menschlichen Gesellschaft fortwuchert.“ Fuchs schrieb seine Kunstgeschichte zu Beginn des Jahrhunderts, eine Kunstgeschichte übrigens, die sich nicht auf die psychologische Perspektive beschränkt, sondern die künstlerischen Erscheinungen mit den gesellschaftlichen Bedingungen und Verhältnissen in Beziehung setzt. Vielleicht erfreut sie sich deshalb zunehmenden Vergessens. Ein Reprint kam im Berliner Verlag Klaus Guhl heraus (1977)….

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