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Titel: Zwischen Kunst und Literatur · von S.D. Sauerbier · S. 116 - 118
Titel: Zwischen Kunst und Literatur , 1980

Wortspiele und Bilderrätsel: Fallenbilder und Wortfallen.

Auszüge aus einem Interview mit Daniel Spoerri. Fragen: S.D. Sauerbier

Lassen Sie mich bitte zunächst meine Fragen umreißen – mit den Stichworten Kontinuität und Weiterarbeit oder Kritik und Revision in Ihren Ansätzen, in der Entwicklung Ihrer Konzeption. Was mich interessiert, sind drei Gruppen in Ihren Arbeiten: einmal aus der Zeit von „material“ in Darmstadt, dann Arbeiten aus der Zeit der “ Wortfallen“ und schließlich die „Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls“ mit Blick auf die Ausstellung „Musée sentimental de Cologne“ (zu der Sie ja in Kunstforum Bd. 32 bereits einiges gesagt haben).

Unter dem Aspekt, daß dies alles für mich sowohl Text-Arbeiten wie bildnerische Arbeiten sind, interessiert mich eben in den drei Sorten das Verhältnis von Text und Bildwie die Auffassungen sich bei Ihnen verändert haben und wie Ihre Auffassungen heute sind.

Sicher hatten alle Sachen etwas mit Wort und Text zu tun – übrigens in „material“ eigentlich nur mit dem Wort, aber nicht mit dem Bild – einige Ideogramme vielleicht ausgenommen.

Die Ideogramme wurden aber doch auch als Bilder ausgegeben, zugleich als Poesie, die sich nur visuell darbietet und wahrnehmen läßt. Man kann sie beispielsweise nicht vorlesen.

Ja, wenige! Lewis Caroll hat das mit dem ,Schwanz‘-Gedicht in „Alice in Wonderland“ hundert Jahre vorher auch schon gemacht. Es sind ja bei uns nicht die ersten Ideogramme der Welt gewesen, um Gottes Willen! Wir haben das Ideogramm damals wieder neu entdeckt. – „Topographie des Zufalls“ – da hatte ich schon einen Punkt erwischt, mir die wirkliche Realität anzueignen, nämlich durch einen Ausschnitt, der dann eben ein Tisch (oder etwas anderes) war. Mir die Realität anzueignen, das war eigentlich die ganze Arbeit ab 1960 für ein paar Jahre – und ich nenne das die Entwicklung des Fallenbildes. Das sind einige Schritte damals war PS mir sehr wichtig sie zu beschreiben . . .

Sie sprechen jetzt noch von Fallen-Bild und nicht von Fallen -Text, nicht von ,Wortfallen‘, um die von Ihnen geprägte Bezeichnung zu benutzen.Zudem handelt es sich im Falle der „Topographie des Zufalls“ doch um ein Buch mit einem Plan drin und nicht um ein Bild … ?

,Fallenbilder‘, ,Tableaux pièges‘, das sind vom Zufall hergestellte Objekt-Zusammenhänge, die sich auf einer zufälligen Unterlage befinden und die aufgeklebt werden, so wie man sie findet, und die dann an die Wand gehängt werden. – Einmal habe ich die Notwendigkeit verspürt, dazu die Geschichte der Objekte aufzuschreiben – wobei ich dann natürlich auch – logischerweise möchte ich sagen – das Objekt selber nie gemacht habe: dieses eine Bild zu den beschriebenen Objekten gab es und gibt es nicht, weil ich mir auch mit Recht sagte: Ein Aspekt des Erklärens ist, daß man das Bild zum Beispiel einem Blinden erklären kann und daß es deswegen auch überhaupt erklärt werden soll. Jemand, der es sieht, der braucht ja keine Erklärungen – was aber nicht ganz stimmt; denn die Anekdoten kann man, zum Beispiel von einer Weinflasche, nicht ablesen. – Und jetzt die ,Kölnische Geschichte‘, das „Musée sentimental de Cologne“: das ist eine Topographie des Zufalls auf ganz Köln angewendet.

Ist es möglich, von den älteren Wortfallen eine Verbindung herzustellen zu Arbeiten wie „Dulce et decorum est pro patria mori“: die wortwörtliche Interpretation dieses Horaz-Satzes durch eine Ansammlung von Fleischermessern, Zucker und einem Tafelaufsatz, die im „Musée sentimental“ zu sehen war?

Ich hab’s ganz wörtlich genommen, absolut, diese vier Wörter – dulce, decorum, patria und mori -, und zwar im stupidesten Sinn; .patria‘ im Sinn von ,Vater‘ und ,Vater Rhein‘, so hieß dieser Aufsatz – eben nicht als ,Vaterland‘. ,Mori‘ ist mit diesen Schlachtermessern gemeint; und ,dulce‘ war ja im Sinn von ,schön‘ gemeint, und nicht im Sinn von ,süß‘ – trotzdem habe ich einfach ,süß‘ mit dem Zucker übernommen. Und .decorum‘ heißt ja .ehrenvoll‘ im Lateinischen, aber ich habe das als das Dekorationsstück, nämlich den Tafelaufsatz als décor verwendet … in dem Sinne habe ich das Horaz-Wort ganz wörtlich genommen, und da gibt es sicher Zusammenhänge mit den früheren „Fallenbildern“ – ich habe aber aufgehört, mir immer klitzeklein Rechenschaft zu geben, was nun im früheren Sinn der Fallenbilder das war oder jenes. Ich mag nicht mehr diese Art von Pingeligkeit, ich mache einfach etwas; frühere Erfahrungen fließen sicher mit ein. – Die „Wortfallen“ – das war eine relativ kurze Zeit. Sie waren am Anfang sehr viel komplizierter als später.

Eine Arbeit habe ich als Beispiel in Erinnerung: hieß sie nicht „Die Wände haben Ohren“?

Das ist z. B. eine der schlechten Arbeiten – die würde ich heute wegschmeißen, und Gott sei Dank seh‘ ich die nie mehr. Da habe ich einfach Gummiohren aus dem Karneval auf eine Backstein gemusterte Tapete geklebt. Es gab ganz viele von diesen Sachen – das finde ich sehr uninteressant. Die „Wortfallen“ waren auch nur komisch, solange man nicht wußte, was das Wortspiel bedeutete. Und kaum wußte man es, kam einem ein „Äähh! Aha! So! Bööhh!“ Und mehr war’s nicht. Angefangen hat es mit ganz anderen, viel komplizierteren Sachen. Ich nahm z. B. den Satz von Duchamp „Prendre un Rembrandt comme planche a repasser“ („Sich eines Rembrandts als Bügelbrett bedienen“). Da fiel mir auf, daß es die Mona Lisa auf einem Trockentuch gab. Und so dachte ich: das muß man ja bügeln! Also bügelt man die Mona Lisa. Und da habe ich die Mona Lisa . . . Was Duchamp damals nur als Frechheit, als eine Blasphemie betrachtete, ist ja heute Realität geworden; und Duchamp hat sich selber eingeholt – das war meine Idee, dann nahm ich dieses Tuch, legte es auf ein Bügelbrett und nahm noch ein Bügeleisen dazu. Mir fiel natürlich auch auf, daß ein Bügeleisen – mit Nägelchen beklebt – sofort ein ,man Ray‘ wurde. Und dann dachte ich mir, wenn ich jetzt dieses Bügelbrett zusammen mit dem Stuhl, auf dem es lag, an die Wand hänge, dann habe ich ja mich selber auch noch drin: mit meiner Umkehrung in eine andere „Ebene – ich fand das dann also sehr komisch und war besonders froh, wenn mir die Leute immer wieder sagten: „Aber das ist ja gar kein Rembrandt!“

Für den Betrachter ist eine solche Arbeit doch eine Art Bilderrätsel, wie wir sie aus der Kindheit kennen – nicht wahr. Sie ist für mich ein Rebus, so daß ich aus den einzelnen abbildlichen Teilen . . .

. . .jetzt sagen Sie es: ein Rebus! Das fände ich heute noch interessant. Und ein Rebus ist im Grunde genommen jedes Bild im Museum. Wenn man das den Leuten erklären würde! Dann würden sie viel mehr Spannungen erleben, wenn sie in ein klassisches Museum gehen.

Warum? Ist denn nicht ein Rebus zunächst mal nur die bildliche Interpretation von einzelnen Textteilen, die der Künstler im Kopf hat, die dann verschlüsselt im Bild erscheinen und vom Betrachter wieder zusammengesetzt werden sollen? Müssen die einzelnen Bilder im Rebus nicht in Begriffe übersetzt und die Begriffe in Textform gebracht werden? Und das trifft – nach meiner Auffassungnur für wenige Bilder auf der Grundlage von Texten zu.

Aber ich meine doch, daß im allgemeinen jedes Bild ein Rebus ist. Man muß ja erklären, was damit gesagt, und das tun doch auch mit großer Freude die Kunsthistoriker: wenn sie einem erklären, was eigentlich der Künstler gemeint hat.

Warum machen das die Historiker – ist so etwas denn deren Aufgabe? Was ein Künstler gemeint hat, sagt er doch wohl am besten selbst!

Nein! Es ist etwas anderes, Künstler zu sein, und etwas anderes ist es, über die Geschichte der Kunst sich Gedanken zu machen.