Monografie · von A.R. Penck · S. 134
Monografie , 1975

A.R. PENCK

A.R. Penck

Ich über mich selbst.

Der Leser, der diesen Artikel liest, will sicher etwas über mich und mein Leben, über meine Gedanken und Motive erfahren. Meine Arbeiten sind ja als Abbildung zu sehen; es ist also selbstverständlich.

Ich werde eine Geschichte erzählen, die, wenn man es genau nimmt, kein Ende hat. Wozu auch. Ich fuhr im Zug von Berlin nach Dresden, meiner Heimatstadt. Erster Klasse, denn ich war müde und wollte schlafen und hatte mich, ohne Schuhe (die hatte ich vorher ausgezogen, versteht sich) der Länge nach auf die vier Sitze gestreckt. Mit mir im Abteil fuhr nur noch ein Mitfahrer, ein Akademiker wie es schien, denn ich sah, er las angestrengt und ohne aufzusehen etwas Abstraktes; Systemtheorie oder so etwas ähnliches. Er saß an der Tür, die verhangen war. Ich lag mit dem Kopf an der Fensterseite. Ich schlief einige Zeit und erwachte durch ein Geräusch. Die Tür des Abteils öffnete sich, die Vorhänge wurden von einer Hand beiseitegeschoben, etwas langsam, dann folgte die Gestalt nach, ein alter Mann, etwas schäbig angezogen, aber doch irgendwie lächelnd, obwohl es eigentlich kein Lächeln war, sondern mehr Verlegenheit. Er fragte genauso verlegen lächelnd: ‚Ist hier noch ein Platz frei?‘ Die Frage war anundfürsich überflüssig, denn es waren mehrere Plätze frei. Als er an der Tür stehen blieb, zog ich die Beine etwas an, damit der Platz an der Tür gegenüber dem Akademiker, frei wurde. Dieser sah nur kurz auf und sagte, den Mann musternd: ‚Nein, hier ist nichts frei.‘ Der Alte schob sich…

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