Dossier: Kommunen, Künstler und Banausen · von Gerd Winkler · S. 59
Dossier: Kommunen, Künstler und Banausen , 1975

GERD WINKLER

6. Folge

Kunst in München

Hier gibt es Sachen, von denen die Leute keine Ahnung haben. Dazu gehört auch, daß München langsam die heimliche Hauptstadt der Kunst wird.
HA Schult

In München laufen Faschingsfeste, kostümierte Umzüge, der Schefflertanz und das Glockenspiel auf dem Marienplatz unter Kultur. Der Flohmarkt der Bürger zählt zur Kunst und die Antiquitätenmesse kommt gleich nach der Oper. Den Amerikanern fällt beim Stichwort München nur das Hofbräuhaus ein und das Welt-Image der Stadt liegt näher bei der Lederhose und dem Dackel als bei der alten Pinakothek. So viel Tradition läßt sich nicht mit Gewalt beiseite drängen. Das lassen sich die Münchner nicht bieten. Außerdem haben sie die CSU und den Kardinal Döpfner. Wenn’s irgendwo heikel wird, schnappen sofort die Fallen zu. Der Kardinal erhebt seine Stimme und sagt: ‚In dieser tiefsten Sonnenfinsternis unserer Tage sind die Künstler aufgerufen, die Licht zu finden und den Menschen zu vermitteln. Das Christentum ist nicht bilderfeindlich‘. Die CSU drückt sich weit weniger besorgt aus: ‚Es ist eine große Sauerei!‘ ruft Herr Löw von der CSU-Pressestelle.

Mit der Brechstange lauft nichts. Das weiß man spätestens seit dem Herbst 1971. Ganz große Kunstschlaumeier wollten den Münchnern quasi über Nacht das bescheren, was man ‚Szene‘ nennt. Ja, den Kölnern und Düsseldorfern wollte man gar das Wasser reichen. Wie? Mit Hilfe eines Kunstmarktes. Und da der Titel vergeben war, wurde der Slogan ‚Kunstzone‘ propagiert und die ‚Erste freie Produzentenmesse‘ begangen. Aber das Pferd wurde in der Lederhose aufgezäunt. Statt aus New York kamen die Artisten aus Buxtehude. Abgestandene…

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