Titel: Biennale Venedig '84 · S. 178
Titel: Biennale Venedig '84 , 1984

Kunst, Grenzenlos

Ein Rundgang durch die nationalen Pavillons auf der Biennale di Venezia, 1984
von Michael Hübl

Leser von Biennale-Berichten muß längst schiere Langeweile plagen. Allenthalben liest man vom beklagenswerten Zustand des venezianischen Kunstereignisses, ist die Rede von „Kitsch“ und von der wuchernden Belanglosigkeit der Biennale, ihrem sadomasochistischen Historismus und der unbekümmerten Beliebigkeit, mit der die 37 Teilnehmerstaaten in den verschiedenen Pavillons Kunst aus ihren Landen präsentieren. Die Erwartungshaltung derer, die schon mal da waren, der Kritiker, die im Zwei-Jahres-Takt ihren Gang durch die ‚giardini‘ absolvieren und die kleinen Nationalmuseen auf Zeit besuchen, ist entsprechend. Sie changiert zwischen Unlust und heroischem Optimismus, wobei die normale Mittellage das hoffnungsfrohe Erwarten der Desillusionierten sein dürfte, diesmal würde alles doch ganz anders, seien die großen Entdeckungen zu machen. Doch da man dieser Einstellung auch nicht so recht trauen mag, bleibt nur die Frage: Welche Pavillons sind in diesem Jahr von Interesse, welche kann man vergessen?

Einige werden ohnehin bevorzugt besucht, andere hebt man sich für später auf, wenn noch Zeit übrig ist. Prinzipiell herrscht jedoch Gleichberechtigung. Die kleine Republik San Marino zählt genauso zu den Ausstellerstaaten wie die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken. Dennoch gibt es Zentren und Randzonen. Frankreich, Großbritannien und die Bundesrepublik flankieren drei Seiten eines Platzes, zu dem ein breiter, leicht ansteigender Weg wie zu einem Weltgipfeltreffen in Sachen Kunst hinführt. Japan steht mit seinem Pavillon der Bundesrepublik zur Seite, Canada steht hinter Großbritannien bescheiden zurück und hinter dem Pavillon Frankreichs liegt zwischen hohen Bäumen das Kolonialstil-Gebäude der USA.

Übrigens klagen nicht nur Kritiker über…

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