Martin Walde
Materialfiktionen und Materialformungen
Ein Gespräch von Sabine B. Vogel
Das komplexe, in Sequenzen mit vielen Abzweigungen und Sprüngen angelegte Werk von Martin Walde gründet einerseits auf Erlebtem oder Vorgefundenem, andererseits auf Materialfiktionen. Die Grenzen sind oft fließend, wie in seiner „Hallucigenia“-Skulptur, die auf einem ausgestorbenen Weichtier basiert, das 1911 als Fossile im Schiefer in Kanada gefunden wurde. Das weitgehende Unwissen über Funktion und dessen faszinierende Form geben bis heute Anlass für Spekulationen über das tatsächliche Aussehen. „Hallucigenia ist ein fiktives Wesen – alles, was es umgibt, ist Interpretation“, schrieb Martin Walde zu seiner Edition zur documenta X 1997.
Oft schafft Walde neuartige Objekte, deren Funktion und auch Handhabung herausfordern ist, etwa seine „Jelly Soap“: eine Seife, die nicht gerieben, sondern mit Handwärme und Druck aufgelöst wird. Oder seine Materialformungen von Silikon und Glas durch neue verfahrenstechnische Methoden, die in „Mohenjo Daro“ zu unterschiedlichen Architekturen erstarren. Sie beschreiben Übergänge vom Geplanten zum Chaotischen, der Titel verweist auf verschollene oder imaginierte Städte. Allen Werken gemeinsam ist Waldes Interesse am „prä-inventiven“ Entwickeln.
Sabine B. Vogel: Viele deiner Arbeiten bestehen aus Elementen, die du durch Experimente und Neuzusammensetzungen erfunden hast. Was interessiert dich an diesen Prozessen?
Martin Walde: Ich habe für einige Arbeiten Materialien und Materialeigenschaften als Teil einer fiktiven Welt „erfunden“. Ich wollte Teilbereiche realisieren und auf diese Weise die Frage anregen, was sich in unserer Welt verändern würde, wären diese Erfindungen Wirklichkeit, wie in „Swamp / Soft Floor“: Das basiert auf der Annahme eines Stoffes, der sich stufenlos in allen Weich-…
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