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Titel: Leonardo im Labor. Kunst & Wissenschaft im 21. Jahrhundert - 3 — Science Art · von Jens Hauser · S. 140 - 149
Titel: Leonardo im Labor. Kunst & Wissenschaft im 21. Jahrhundert - 3 — Science Art ,
Titel: Leonardo im Labor. Kunst & Wissenschaft im 21. Jahrhundert - 3 — Science Art

Künstliche Lebendigkeit

Motive, Metaphern, Medien und Missverständnisse
von Jens Hauser

Im Zeitalter von Gentransfer, Gewebezucht, Stammzelltherapie, Xenotransplantation und Synthetischer Biologie reagieren Kunstschaffende heute höchst unterschiedlich auf die Herausforderungen der Life Sciences. Über klassisch-repräsentative Strategien der bildenden – und Bilder produzierenden – Kunst hinaus sind Biotechnologien angesichts ihrer fortschreitenden Demokratisierung seit den 1990er Jahren zunehmend als mannigfaltige Gestaltungsmedien zweckentfremdet worden. Jenseits des Schutzkäfigs des Symbolischen manipulieren jene neuen Kunstpraxen der Transformation in vivo und in vitro biologische Systeme oder Organismen auf molekularer, zellulärer oder mikrobieller Ebene.

Während solche Positionen kunstgeschichtlich betrachtet ganz sprichwörtlich an die stetigen Desiderate ästhetischer ‚Lebendigkeit‘ in der Kunstschöpfung als ‚zweiter Natur‘ andocken, gehören nunmehr Transgenese, die Synthese von DNA-Sequenzen, sogenannte Biobricks, molekularbiologische Bildgebungsmedien wie Gel-Elektrophorese oder DNA-Chips, Zell- und Gewebezucht, der Gebrauch von Retroviren und das Klonieren bakterieller Plasmid-DNA ebenso zum Repertoire einer marginalen aber resolut experimentellen Gegenwartskunst wie neuro-robotische Installationen, immunbiologische Selbstexperimente oder die subversive Rekontextualisierung von Labormodellorganismen. Bei einer genealogischen Betrachtung dieses Trends dominieren dennoch weder technologischen Allmachtsfantasien noch menschliche Hybris. Wenn Kunstschaffende heute angesichts des Anthropozäns, bedrohter Biodiversität und viraler, mutmaßlich via Zoonosen menschengemachter Pandemien in der Praxis biotechnologisch arbeiten, dann betonen sie vor allem ein Lebenskontinuum, in welchem das Spektrum menschlicher Handlung durch das mikroperformative Handlungspotential nicht-menschlicher Akteure konterkariert wird.1 Sie lassen Bakterien Gold herstellen, fälschen vermeintlich perfekte ‚genetische Fingerabdrücke‘ , inszenieren trans-spezifische oder ökologische Hybride, oder die Komplexität von Pflanzen, Bakterien oder gar Viren als holistisch gedachte, postanthropozentrische Bewusstseinserweiterungen.

‚Kunst, die dir in die Augen schaut‘

Wie schwierig es jedoch ist, angesichts der Oszillation zwischen Motiven und…

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