Titel: Kunst als sozialer Prozess , 1978

Rainer Wick

Nicht Kunst, nicht Soziologie: Das Collectif d’art sociologique

Die Künstler haben die Welt nur
verschieden interpretiert,
es kommt darauf an, sie zu verändern.
Frei nach Karl Marx

1. „Soziologische Kunst“ – ein tautologisches Konzept?

Am 1. Oktober 1974 kamen in Paris, Rue Brillat-Savarin 59, drei „Künstler“ (ich zögere, diesen konnotativ belasteten Begriff überhaupt zu benutzen) zusammen, um eine Künstlergruppe zu gründen. Nicht Übereinstimmungen in stilistischen oder formalen Fragen, sondern gemeinsame Grundüberzeugungen in Bezug auf Kunst und Gesellschaft, auf die Vermittlung zwischen beiden, auf die Veränderung beider, waren es, die Hervé Fischer, Fred Forest und Jean-Paul Thénot nach einer jahrelangen „Einzelkämpferphase“ dazu bewogen, sich zum „Collectif d’art sociolcgique“, zum „Kollektiv für soziologische Kunst“ zusammenzuschließen. Sie entwarfen an jenem 1. Oktober ein kurz gehaltenes Gründungsmanifest, das am 8. 10. 74 postalisch verbreitet und am 10. 10. 74 in „Le Monde“ veröffentlicht wurde:

„Hervé Fischer, Fred Forest und Jean-Paul Thénot haben beschlossen, ein Kollektiv für soziologische Kunst zu gründen, das all jenen als Anknüpfungspunkt und Arbeitszentrum zugänglich sein soll, die den soziologischen Tatbestand und den Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft als Grundthema ihrer Recherchen und ihrer künstlerischen Praxis betrachten.

Das Kollektiv für soziologische Kunst stellt fest, daß sich in Verbindung mit dem Prozeß der Vermassung eine neue Sensibilität für die sozialen Gegebenheiten herausgebildet hat. Diese Sensibilität betrifft nicht mehr die Beziehungen des Einzelmenschen zur Umwelt, sondern die Bezie hungen des Menschen zu der ihn prägenden Gesellschaft.

Das Kollektiv für soziologische Kunst strebt mit seiner künstlerischen Praxis danach, die Kunst in Frage zu stellen, die soziologischen Tatsachen hervorzuheben und…

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