Titel: Kunst als sozialer Prozess · von Rolf Sachsse · S. 100
Titel: Kunst als sozialer Prozess , 1978

Rolf Sachsse

Einige Thesen zur Theorie und Praxis von künstlerischer Arbeit im sozialen Kontext

Der folgende Text ist ein persönliches Statement. Er reflektiert die Voraussetzungen, unter denen ich eine Tätigkeit als Künstler im sozialen Kontext für sinnvoll halte. Dabei geht es mir nicht um eine neue Form von sozialem Service, den ich als Künstler leiste, sondern um eine Erweiterung der für eine künstlerische Tätigkeit notwendigen Erkenntnisformen.

Die Hälfte der Kunst, die Hälfte eines jeden Kunstwerkes ist durch den Kontext bestimmt, in dem es produziert oder reproduziert wird. Seit mehr als 60 Jahren – nach den ready-mades von Marcel Duchamp – ist dieser Satz ein Topos jeder Kunstproduktion und, absolut gesehen, eine genauso leere Generalmetapher wie etwa: Kunst ist Kommunikation. Wie alle Generalmetaphern hat dieser Satz Möglichkeiten der Ableitung, der Realisation und Konsequenzen. Der Begriff Kontext selbst hat so viele Bedeutungsebenen wie Benutzer, einige sind wesentliche Bestandteile der Kunst und Kunstkritik zumindest der letzten 30 Jahre. Produktionsebene und Reproduktionsebene – also Kunst und Kunstkritik oder Öffentlichkeit – tangieren und überschneiden sich immer im Bereich des Kontextes; er liefert die Kriterien zur Beurteilung künstlerischer Tätigkeit, ist Tertium Comparationis.

Seit der konkreten Kunst ist der räumliche Kontext einer künstlerischen Arbeit notwendige Voraussetzung ihrer Existenz, in der Minimal Art alleiniges Konstituens eines Werkes. In der Conceptual Art ist der sprachliche Kontext eines Künstlers, einer Idee oder einer Realisation zentraler Aspekt der Entstehung einer Arbeit. Happening- und Performance-Künstler schaffen sich für ihre Arbeit einen räumlichzeitlich fixierten Kontext. Dieser Kontext, der immer auch Angelpunkt der Kritik an einer Arbeit…

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