Titel: Kunst als sozialer Prozess · von Rainer Wick · S. 103
Titel: Kunst als sozialer Prozess , 1978

Rainer Wick

Sozialutopisches Denken bei Joseph Beuys

Gegenstand der folgenden Überlegungen ist nicht Beuys als Zeichner, als Plastiker und Objektkünstler, als Performer und Hochschullehrer, nicht der ganze Beuys, sondern Beuys als utopischer Denker, als sozialer Utopist.

Beuys‘ kunsttheoretisches Konzept, wie es sich in seiner „plastischen Theorie“ ausdrückt, ist zugleich ein gesellschaftstheoretisches, steht doch im Mittelpunkt dieser ,,plastischen Theorie“ die Idee von der „sozialen Skulptur“. Bevor auf dieses Konzept näher eingegangen wird, sei zunächst hervorgehoben, daß der von Beuys gebrauchte Theoriebegriff nicht im Sinne der sozialwissenschaftlichen Erklärung des faktisch Gegebenen gemeint ist, sondern daß Beuys‘ eigenwilliges und epistemologisch äußerst fragwürdiges Gedankengebäude dem Typus normativer Theorien, die auf den Entwurf eines Idealzustandes abzielen, zuzuordnen ist. D. h., die Theorie der „sozialen Skulptur“ richtet sich auf die geistige und im künstlerischen Handeln auch „gelebte“ Konkretisierung einer sozialen Utopie.

So hat Kunst nach Beuys auch „nichts mit der Illustration sozialer Vorgänge zu tun, sie kann sich schon gar nicht darin erschöpfen.“2) Vielmehr gehe es darum, „Kunst als die eigentliche revolutionäre Kraft . . .“, ,,als eigentliche Basis für das gesellschaftliche Tun“3) zu begreifen. Nicht nur, daß Beuys damit Marx auf den Kopf stellt; er erkennt der Kunst offenbar einen Stellenwert zu, der zu ihrer tatsächlichen Randseitigkeit in fortgeschrittenen Industriegesellschaften in einem auffälligen Gegensatz steht. Konsequent aus der Sicht von Beuys ist dann auch, daß der Künstler seine „plastische Theorie“ insgesamt und überhaupt als Gegenposition gegen das industriegesellschaftliche System begreift und sich insofern allenfalls antinomisch auf die bestehende soziale Realität bezieht. 4)

Auf einen einfachen Nenner gebracht, kann Beuys‘ gesellschaftstheoretisches…

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