Titel: Kunst als sozialer Prozess · von Rainer Wick · S. 108 - 116
Titel: Kunst als sozialer Prozess , 1978

Rainer Wick im Gespräch mit Lili Fischer

Feldforschung als künstlerische Methode

R.W.: Lili Fischer, lassen Sie uns zunächst versuchen, etwas Ihre Identität einzukreisen. Sie sind den Lesern von KUNSTFORUM als Autorin des kürzlich erschienenen Aufsatzes „Schamanen“ (Nr. 25) bekannt, in dem Sie durch Juxtaposition gesetzter und handschriftlicher Textpassagen auf die Beziehungen zwischen Schamanismus und moderner Kunst hingewiesen haben. Sie haben Kunst und Ethnologie studiert, Sie sind gerade im Begriff, Ihr Studium mit der Promotion abzuschließen, und Sie haben Herrn Herzogenrath auch zu dem Titel „Feldforschung“ (Kölnischer Kunstverein, 22.4. – 28.5.78) angeregt. Wer oder was sind Sie, Ethnologin, Künstlerin, ein Mischwesen aus beidem?

L.F.: Ich bin Künstlerin, die nach neuen Methoden sucht und diese teilweise in der Ethnologie, Pädagogik, Erwachsenenbildung findet.

R.W.: D.h., Ihre akademischen Studien inspirieren Sie zu neuen Praktiken im Bereich der Kunst. Es wäre interessant in diesem Zusammenhang zu erfahren, über welches Thema Sie Ihre Dissertation geschrieben haben.

L.F.: Zuerst wollte ich eine Arbeit über den Künstler in der Rolle des Animateurs schreiben und von der Geschichte über die Gegenwart bis hin zu eigenen Projekten alle Ansätze aufzeigen.

Ich mußte die Arbeit eingrenzen und mich auf die Untersuchung eines Projektes beschränken:

Die Arbeit heißt: „Kreative Animation im Urlaub – am Beispiel der Nordseeinsel Pellworm.“ Ich wollte herausfinden, mit welchen Methoden man als Künstler bestimmte Zielgruppen, denen Kunst fremd ist, wie z.B. Urlauber, zur Entwicklung persönlicher kreativer Fähigkeiten anregen kann . . . Sozusagen eine Probe aufs Exempel zu den verbalen Forderungen nach Partizipation, Kunsterweiterung u.s.w. Es war eine gute Übung, sich im Rahmen eines mehrwöchigen Projektes ganz auf die Teilnehmer zu konzentrieren, ihre Reaktionen zu beobachten, ihre Veränderungen zu verfolgen, sich überhaupt in eine Zielgruppe hineinzuhören . . . Das wird ja in einer Kunstschule nicht gelehrt. Es wird zwar immer von einer sog. Einbeziehung des Publikums gesprochen, es wird aber nicht weiter gezeigt, was das eigentlich heißt, mit welchen Methoden das möglich ist …

R.W.: . . . und wie haben Sie sich da dem Publikum präsentiert, als Künstlerin?

L.F.: Eigentlich nicht . . . das gehört zu meinen Strategien, die Rolle zu wechseln. Bei dem Pellworm-Projekt bin ich als .Freizeithelfer‘ aufgetreten und habe offiziell von der Kirche aus die Urlauber-Freizeitprogramme gemacht, z.B. Nachtwanderungen, Strand-Gymnastik, Feste, l ) In dieses Programm habe ich dann meine eigenen Kunst-Angebote eingebettet. Ich bin extra diesen Umweg gegangen, um besser an die Leute heranzukommen. Als Künstler hätte ich schon bestimmte Erwartungen und Verhaltensmuster provoziert…. und wahrscheinlich wieder nur einige Kunst-Interessenten angesprochen. . . So kamen viele, die einfach unbefangener mitmachten.

R.W.: Der Titel Ihrer Dissertation enthält das in diesem Zusammenhang wesentliche Stichwort, nämlich den Begriff der Animation. Das hat mit „anregen“, „aktivieren“ zu tun. Können Sie den Begriff „Animation“ einmal etwas genauer erläutern, auch seine Bedeutung im Rahmen Ihrer Arbeit?

L.F.: Der Begriff war ursprünglich revolutionär. Französische Pädagogen wollten z. B. durch Gespräche in der Kneipe und Straßeninszenierungen andere Schichten ansprechen. Die UNESCO verwandelte den Begriff Anfang der 70er Jahre in die Forderung nach einem neuen Beruf, dem ,cultural animator‘, was leider bald von der Tourismusbranche vernutzt wurde. Dadurch hat bei uns Animation leider einen negativen Beigeschmack – nicht zuletzt durch die Assoziation zu .Animieren‘. Dabei basiert Animation auf ,animare‘ im Sinne von beseelen, beleben, Kraft verleihen. Impulse, Anstöße geben, befähigen . . .

Für mich fängt Animation eigentlich schon in der Romantik an mit der Idee, die Natur nicht nur zu betrachten, sondern zu beseelen und zu erleben. Oder wenn Runge z.B. zur Vermittlung seiner Ideen die damals bekannten Tapetenbilder benutzte, um so dem Publikum einen leichteren Zugang zu seiner Kunst zu verschaffen … da sehe ich eine Verbindung zu heutigen Animations-Projekten, in denen innerhalb bekannter Rahmen wie z.B. Urlaub neue Inhalte gesetzt werden. Im Rahmen meiner Feldforschungen gehört Animation u.a. zu einer Methode, durch bestimmte Inszenierungen, die ich in Form von Drehbüchern entwerfe, Teilnehmer zu eigenem Handeln, Entdecken, Erleben anzuregen.

R.W.: Und diese Teilnehmer sind dann mit dem Gefühl nach Hause gegangen, an einer „Kunstaktion“ teilgenommen zu haben, ,,Kunst“ gemacht zu haben?

L.F.: Nein, die Wirkungen waren viel schöner . . . Viele hatten zum ersten mal wieder seit ihrer Kindheit das Erlebnis gespürt, selbst etwas gemacht zu haben . . . sich persönlich ausgedrückt zu haben. Ob das jetzt Kunst war oder ist, blieb offen . . . das Erlebnis, die Erfahrungen, hatten jedoch mehr mit Kunst zu tun, als die Ergebnisse, die dabei herauskamen.

R.W.: Wenn es also in erster Linie um Erlebnisqualitäten geht, auch um Selbstentdeckung, um individuelle Erfahrungserweiterungen, dann sehe ich da einen Bruch, wenn Sie das – wie jetzt im Kölnischen Kunstverein – wieder in den Kunstkontext überführen . . .

L.F.: … ich habe einige Ergebnisse im Kunstverein gezeigt mit der Absicht, die Vorgehensweisen, die Strategien zu zeigen. Aktivitäten außerhalb des Kunstbereichs sind wichtig… es fragt sich nur, was danach wieder in den Kunstbereich hineingetragen werden soll… sicher nicht die Anekdoten, die Herr Müller oder Herr Meyer in der Kneipe erzählt haben, sondern Handlungsstrategien, die auch auf andere Bereiche übertragen werden können…, die z.B. den Rezipienten wiederum anregen, seinerseits die Sache neu zu sehen, zu deuten… Im Grunde gibt es drei Ebenen: die persönliche Feldforschung in einem bestimmten Bereich, die Vermittlung der Ergebnisse und Aktivierung der Teilnehmerkreise innerhalb dieses Feldes, um z. B. die eigenen Ideen zu überprüfen, die Kunst außerhalb der Museen voranzutreiben und drittens die Rückkoppelung der Arbeit in den Kunstkontext mit dem Schwerpunkt der Methoden, die wiederum von den Kunstrezipienten angewendet werden können.

R.W.: Das, was Sie im Kunstkontext ausstellen, ist demnach eher methoden- als ergebnisorientiert. Methodologie erscheint so als die zentrale Kategorie Ihrer Kunstpraxis. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie einmal die Etappen, die Sie zur Feldforschung als künstlerischer Methode geführt haben, skizzieren würden.

L.F.: Mein erstes Studium habe ich mit Schatten und Staubschichten abgeschlossen… als Reduktion der Umsetzung von Wirklichkeit… So wurden z.B. Leute aus der Kunstschule abgefegt, übrig blieben deren Staubschichten auf schwarzem Papier. Auf die Dauer schien mir eine ausschließliche autonome Auseinandersetzung mit künstlerischen Mitteln zu begrenzt… es war mir zu wenig. Ich ging dazu über, komplexe Felder zu untersuchen. Ich begann 70/71 die Feldforschungen auf den Halligen, sammelte Material über den Bereich: Schnee – Schneespuren, Sport, Heilkunde, bzw. physiotherapeutische Anwendungen. Dabei versuchte ich, möglichst komplex den Bereich zu erfassen, z.B. auf den Halligen nicht nur die Natur, sondern auch die Bewohner, ihre Arbeitswelt, Verwandtschaften und die Besucher miteinzubeziehen. Ich hatte mir damals überlegt, daß es nicht ausreicht, lediglich die Dokumente der Untersuchungen zu konservieren. Ich wollte einen Schritt weitergehen und den untersuchten Bereich auch tatsächlich verändern, durch Praxis, Eingriffe.

So entstanden Anfang 1970/71 erste Entwürfe für Projekte, in denen z.B. Kurgäste, Winterurlauber etc. mit einbezogen wurden 1972 konnte ich dann nach langwierigen Absprachen mit der Kurverwaltung in einem Kneipkurbad zum Thema ‚Kunst und Kur‘ sprechen.

R.W.: Für viele Künstler, die in einem ähnlichen Feld arbeiten wie Sie selbst, Künstler, die in letzter Zeit im Zusammenhang mit Stichworten wie ’soziale Strategien‘ oder ’soziologische Kunst‘ in Erscheinung treten, spielt ja ein wie auch immer gearteter Theoriebezug eine bedeutsame Rolle. Von welchem Theoriekonzept oder von welchen Modellvorstellungen gehen Sie in Ihrer Kunstpraxis aus?

L.F.: Ich stelle mir die Kunstgeschichte in Form eines Baumes vor: die Wurzeln unter der Erde sind die Frühkulturen, in denen der sog. ‚Kunstgegenstand‘ in das Leben der Menschen integriert war (im Kult, Ritual), in denen Schamanen gleichzeitig Priester, Medizinmänner, Wahrsager, soziale Berater, Dichter, Maler und Sänger waren. Der Stamm ist vergleichbar mit der Entwicklung der Kunst zu einem autonomen Bereich. Die untere Baumkrone sind die Ansätze Anfang des 20. Jahrhunderts, die traditionellen Medien aufzulösen… die weiteren Verzweigungen sind die vielen Versuche, Kunst zu erweitern, zu entgrenzen (z.B. Happening, Aktion…). Als nächsten Schritt stelle ich mir nicht mehr eine Verbindung mit diffuser Realität vor, sondern mit definierten Bereichen: z.B. Naturheilkunde.

Das entspricht etwa dem Gärtner, der einen alten Obstbaum durch das Anbinden neuer Zweige anderer Sorten verändern will.

R.W.: Ihr Rekurs auf die Frühkulturen, auf die segmentären Gesellschaften – wie Emile Durkheim sie nennt -, scheint mir sehr bemerkenswert. Sie selbst haben ja gerade den Gedanken integraler Einheit in diesen Gesellschaften angesprochen. Dazu gehört auch, daß der Künstler in diesen Kulturen einen festverankerten Platz hat, den er in der modernen Industriegesellschaft eingebüßt hat. Ist es auch dieser Aspekt, der sie an den Frühkulturen im Hinblick auf Ihre eigene Arbeit reizt – sozusagen die Rekonstruktion des einstigen funktionalen Stellenwertes des Künstlers in der Gegenwartsgesellschaft?

L.F.: Fasziniert hat mich bei den archaischen Kulturen die Tatsache, daß Gegenstände des täglichen Gebrauchs, der Umwelt mehrdeutig waren, so z. B. bei nordsibirischen Völkern, die in den herumliegenden Steinen Seelen der Vorfahren sahen oder in ihrer Jurte mit dem Rauchloch zum Himmel das Weltbild wiedererkannten… und daß der Schamane diese Geheimnisse seinem Stamm vermittelte. Das hat mir als ‚Urmodell‘ für die heutige Aufgabe des Künstlers vorgeschwebt, diesen Zustand auf eine neue Ebene zu übersetzen: indem ich z.B. sinnleere Bereiche, die nur noch unter rationalen, merkantilen Gesichtspunkten gehandhabt werden, wie die Massage, die Naturheilkunde, den Urlaub mit neuen Sinn belebe. Daher die Feldforschungen, die diese ‚inneren Dimensionen‘ aufschlüsseln, daher die Animation, die die Leute dazu anregen soll, ihrerseits persönliche Deutungen zu finden. Wie diese Ideen in der Praxis aussehen, zeigt z. B. das Feldforschungsprojekt IV – Winter2 (77/78): mit einer Gruppe von etwa 16 Teilnehmern unternahm ich Feldzüge, Besuche bei Einheimischen und z.B. auch ‚Baumprojektionen‘, (vgl. Abb.) Jeder Teilnehmer wurde angeregt, die Bäume eines nahegelegenen Mischwaldes nach seiner persönlichen Biographie zu deuten. Die ausgewählten Bäume, Birken, Lärchen, Eschen, Buchen wurden mit persönlichen Zeichen markiert: mit Kleidungsstücken behängt, umwickelt, der Standort im Schnee umgangen. In einer zweiten Phase versuchte jeder, für den anderen Teilnehmer in der Gruppe einen ihm entsprechenden Baum auszusuchen und ihn durch ein Namensschild zu kennzeichnen. Anschließend fand ein Rundgespräch statt, in dem jeder einen Baum parallel mit seiner Biographie beschrieb (z.B. ‚die Birke ist zuerst ganz schlank, das war meine langweilige Kindheit… dann kommen so Verzweigungen, da habe ich zum ersten Mal andere Leute kennengelernt… oben ist ein freier Wipfel, das ist eigentlich meine Idee von Freiheit, die Hoffnung…) Die Eindrücke, Fremdwahrnehmungen, die jeder von dem anderen gewonnen hatte, wurden in der zweiten Gesprächsrunde hörbar, in der die Baumprojektionen auf die anderen Teilnehmer übertragen wurden.

Eine Buche mit freistehenden Oberzweigen gefunden, die Kindheit in den belaubten Unterzweigen gelesen, die beginnende Lichtung mit der allmählichen Klärung in der Jugend verglichen, in die oberen Zweige seine Ideen für die Zukunft projeziert, den Namen auf einen Zettel geschrieben und auf einen Zweig gesteckt, die Pudelmütze an den Ast gehängt und einen Kreis um den Baum gegangen.
Martin M., 17 J., Schüler

Eine schlanke Lärche ausgewählt, an den Verzweigungen die verschiedenen Wege, Zufälle, Ungleichmäßigkeiten des eigenen Lebens abgelesen, an den ruhigen Oberzweigen Wünsche für die Zukunft geknüpft, diese auf einen Zettel geschrieben und mit Bast an den Stamm gebunden, die Pelzmütze an einen Ast gehängt und um die Lärche mit dem Dackel einen Kreis gegangen.
Camilla L., ca. 60 J., Rentnerin

Eine alte Esche versucht, zu umgehen, durch einen direkt angrenzenden zugefrorenen See gehindert worden, darin ein Beispiel für eigene Erfahrungen wiedererkannt, etwas häufig nie vollständig erreicht zu haben, den Namenszettel auf einen Zweig gesteckt, einen Bastfaden ohne Bedeutung an einem Ast befestigt und die Handschuhe auf die Zweige gestülpt.
Petra B., 34 J., Lehrerin

Eine zweistämmige Birke entdeckt, an der Zweiteilung die beiden Interessen für Kunst und Vermittlung wiedererkannt, auf zwei Zetteln Wünsche für beide Richtungen aufgeschrieben, beide Stämme miteinander verbunden und den Mantel darüber gehängt.
Lili F., 30 J.

Von Petra B., Hans R., Martin M. für Lili F. eine Birke ausgesucht, weil sie von ihr einen eher zurückhaltenden, feinen, diffizielen Eindruck haben.

Akademie – Scenario 85

(Lili Fischer)

Die alten Lehrer, die schon vor 25 Jahren an die Akademie berufen wurden, haben sich immer mehr zurückgezogen. Mit einigen wenigen Studenten praktizieren sie noch das, womit sie sich selbst in der Jugend beschäftigten: mit Farbe, Material, Linien, Raum, Performances.

Mit der zunehmenden Arbeitsplatzverknappung, der immer geringer gewordenen Risikofreude des Kunstmarktes, neue Künstler durchzubringen, dem steigenden Bedürfnis junger Künstler, das Versprechen eines erweiterten Kunstbegriffs der 70er Jahre, die Ansätze interdisziplinärer Kunstpraxis weiter auszubauen, und mit dem wachsenden Interesse breiter Publikumsschichten an Kunst, hat sich in der Abteilung ‚Freie Kunst‘ an der Hochschule viel geändert: Der traditionelle Weg des Kunststudenten: Klassenbesuch – persönliches Arbeiten – Korrekturgespräche mit Künstlerlehrern – und später ungesicherte Berufsaussichten – ist selten geworden.

Es wurden neue Studiengänge eingerichtet, in denen der Student nicht nur lernt, sich selbst auszudrücken, sondern auch erprobt, wie man anderen dazu verhelfen kann. Während seiner Ausbildungszeit kann er sich darauf vorbereiten, Ideen in Projekte umzusetzen und diese in der Praxis auszuprobieren.

Hierzu kommen Lehrbeauftragte wissenschaftlicher Fachbereiche, der Pädagogik, Freizeit- und Sozialpädagogik ins Haus, um die Studenten über Vermittlungsmöglichkeiten, Strategien, Zielgruppenarbeit zu beraten. Von der Akademie aus werden Vertreter verschiedener Institutionen (Reisebüro/Pharmazie/Sport…) eingeladen, die in Sitzungen mit Kunststudenten über Kooperationsmöglichkeiten, Praktikantenstellen diskutieren.

Inspeziellen Projekt-Gruppen entstehen Konzepte und Drehbücher, in denen eine langfristige Kunstpraxis vor Ort geplant wird.

Feldforschungs-Exkursionen gehören ebenfalls zur Ausbildung, in denen der Student über eine längere Zeit an einem Ort außerhalb des Kunstbetriebs (z.B. Tourismus) praktisch tätig wird, lernt, Konzeptionen in die Wirklichkeit umzusetzen, sich mit einem Team zu arrangieren, in die Adressatengruppe hineinzuhören, Belastungsproben zu überstehen, seine Ideen durchzusetzen. Begleitende Beobachtungen und Untersuchungen werden von Soziologen, Pädagogen unternommen. In Nachbereitungskursen finden gemeinsame Analysen statt, in denen der Kunststudent sein eigenes Verhalten überprüft, die Reaktionen der Teilnehmer, bzw. deren Partizipation vergleicht. Rückschlüsse über Strategien zieht und Ideen für neue Projekte entwickelt.

Auch der Ausbildungs-Abschluß hat sich geändert. Nur noch wenige Studenten der Abteilung ‚Freie Kunst‘ leisten sich keinen Abschluß und versuchen ihr Glück alleine im Kunstbetrieb. Die meisten wählen eine Zusatzausbildung, die sich ‚Berater, Anreger, Inszenator, Animateur‘ nennt und eine freiberufliche nebenamtliche Tätigkeit in verschiedenen Institutionen ermöglicht. Hierzu muß er einer Prüfungskommission, die sich aus pädagogischen, soziologischen etc. Experten zusammensetzt, seine Projekte vorlegen. Begutachtet werden nicht nur künstlerische Ideen, sondern auch Ideen der Teilnehmer-Ansprache, Vermittlung.

Der Absolvent dieser Ausbildung hat nun die Möglichkeit, bestimmten Institutionen Projekte anzubieten und entsprechend eingesetzt zu werden.

Aus ehemaligen Galerien haben sich Agenturen gebildet, die Künstler-Projekte an entsprechende Institutionen weitervermitteln.

Parallel dazu werden zwischen Agentur und Kunstvereinen, Museen Verbindungen gehalten, um ständig über außerinstitutionelle Kunstvermittlung zu informieren.

Der Künstler-Animateur ist freiberuflich wie seine älteren Kollegen, hat jedoch durch seine Ausbildung einen weiteren Horizont von Praxis-Feldern für seine Ideen erhalten und hat später die Möglichkeit, auch außerhalb des Kunsthandels nach seinen Vorstellungen zu arbeiten. Er ist eine Art Gelegenheitslehrer geworden, der nach eigener Auswahl bestimmte Felder untersucht und seine Ergebnisse den Beteiligten des Feldes als Realitätskontrolle zugänglich macht. Wenn er auf einem Gebiet Veränderungen in die Wege leiten konnte und Verbündete gefunden hat, die seine Ideen fortsetzen, widmet er sich einem neuen Bereich. Dabei hütet er sich vor der Gefahr wie früher, eigene Klischees zu produzieren, nur um sich durchsetzen zu können.

Die Ausbildungsveränderung hat sich auch auf die Kunstszene ausgewirkt. Die Stagnation der 70er Jahre, an die sich die inzwischen ergrauten Kunstexperten erinnern, hat sich aufgelöst zugunsten einer lebendigeren, breiteren, vielfältigeren Thematik, Findungen neuer Vermittlungsformen, -techniken, -medien und einer zunehmenden Partizipation von früher noch nie beteiligt gewesenen Zielgruppen.

Anmerkungen
1. Projektbeschreibung siehe: ‚Weg von der Insel! Weg von der Insel? (Kunst als Animation im Urlaub)‘, in: Kunstnachrichten, Heft 2, März
2. Das Feldforschungsprojekt fand im Rahmen der ‚Winterakademie‘ in Kisslegg (Allgäu) statt, in der unter der Leitung von Ewald Schrade Laien und Künstler zusammenarbeiten.