Jutta Schenk-Sorge
Walter De Maria
»The 2000 Sculpture«
Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, 3.3. – 27.8.2000
Selten spielen Architektur und Skulptur wohl so gelungen zusammen wie bei der derzeitigen Inszenierung von Walter De Marias 500 Quadratmeter beanspruchender Bodenskulptur in der transparenten Leichtarchitektur der ehemaligen Bahnhofshalle. Der sakral anmutende Raum potenziert das in den minimalistischen Formen latent vorhandene „Bedeutungspathos“ und steigert es zum Paradox sublimer Wirkungsmächtigkeit. Die schiere Fläche des makellos weißen Feldes, der Sog der Perspektive in die Tiefe gen Unendlich und die Unmöglichkeit, das Ganze optisch zu erfassen und im Geiste auf Normalmaß zurechtzustutzen, also in den Griff zu bekommen, lassen ein Gefühl der Überwältigung entstehen. Es ist beeindruckend, wie sich an den zweitausend nur geringfügig variierenden geometrischen Formstücken aus Gips und Hydrocal eine Auratisierung vollzieht, die ihre schlichte Materialität aufhebt. Die Skulptur fordert, wie meist bei De Maria, die Wahrnehmungsfähigkeit des Betrachters heraus und stimuliert seine Selbsterfahrung. Dabei geht alles durchaus mit rechten Dingen zu. 2000 einen halben Meter lange Elemente mit 5, 7 oder 9 Seitenkanten liegen in zwanzig Reihen à hundert Stück in Fischgrätmuster verteilt aus. Es ist schwer zu begreifen, dass dieses einfache, rationale Konzept solche Wirkungsmöglichkeiten birgt. Wie häufig bei De Maria schlägt das rational völlig durchschaubare geometrisch-mathematischen System in der optischen Wahrnehmung in eine andere Qualität um. Die Arbeit knüpft in vielen Aspekten an vorausgehende Werke an, wie den „Broken Kilometer“ von 1979 oder die Rotterdamer Skulptur „A Computer Which…“, 1984. Die zeitgleich mit „The 2000 Sculpture“ entstandene Arbeit „The 5-7-9 Series“ in der Berliner Gemäldegalerie weist zwar ebenfalls konzeptionelle Parallelen auf, kann aber in keiner Weise mit ersterer mithalten. Leider, denn die 1992 entstandene „2000 Sculpture“ kommt nur vorübergehend als Leihgabe des Kunsthauses Zürich nach Berlin, wo dieses raumgreifende Werk erst seine dritte und wohl schönste „Aufführung“ erlebt.
Äußeren Anlass bot der Jahrtausendwechsel. Doch die Deutung der zweitausend Gipselemente als materialisierte christliche Zeitrechnung scheint angesichts der Arbeit unerheblich. Weit brisanter sind die Irritationen durch dieses „Meditationsstück“ selbst, das die aufgeklärte Vernunft und gewohnte Seherfahrungen aus der Balance bringt. Vielfältige Bezüge kommen ins Spiel, die trotz der minimalistischen und industriemäßig-seriellen Ästhetik präsent sind. Walter De Maria, Jahrgang 1935, ein Künstler, der Kunstgeschichte machte, nicht zuletzt mit seinem „Erdkilometer“ 1977 bei der documenta 6 in Kassel, absolvierte einst neben dem Kunst- auch ein Geschichtsstudium, das sich in seinem Werk in unakademischen kulturhistorischen Rückbezügen niederschlägt. So greift der Amerikaner bis auf antike Traditionen zurück, etwa auf Zahlensysteme, die immer Versuche darstellen, die Welt zu ordnen. Zahlenreihen galten als Spiegel des Kosmos, ein Wort, das ursprünglich Ordnung und Schmuck bedeutete und dann die Welt als geordnete Einheit. De Marias makellose Ordnungssysteme stehen auch in dieser Tradition und schlagen somit weite, in der heutigen Kunstszene kaum mehr geläufige Bögen. Ein anderer zentraler Bestandteil seiner Werkinstallationen ist, bei einem Kalifornier nicht überraschend, das Licht. Die Skulptur wird zum Instrument diese Naturerscheinung in all ihren zyklischen Erscheinungsweisen und Qualitäten zu erfahren. Licht und gleißendes Weiß als Äquivalent, beides besitzt mystische Konnotationen.
Aufschlussreich ist der Blick auf die frühe Moderne, auf Kandinsky und besonders auf Malewitsch, der mit seinem Suprematismus radikal bis zu Weiß auf Weiß vorstieß und dessen Werk in dieser Phase ähnlich irritierende Diskrepanzen zwischen logischem Konzept und alogischem Wahrnehmungsbefund aufweist. Ein völlig andere, allerdings sehr aktuelle Perspektive ergibt sich, zieht man die Linie von De Marias Werk zu dem geplanten Holocaust-Mahnmal von Eisenman/Serra. Dort geht es formal gesehen ebenfalls um ein unübersehbares Feld von über 2000 gleichartigen Elementen. Die Frage ist allerdings, ob es in der Realisierung gleichermaßen gelingen wird, das Stelenfeld zum Ort der Reflexion und der Erfahrung zu machen. Das Mahnmal wird auch an Walter De Marias „The 2000 Sculpture“ gemessen werden.
Katalog: Walter De Maria: „The 2000 Sculpture“, Texte von Harald Szeemann und Angela Schneider, 87 Seiten, zahlreiche Abbildungen, DM 39,-.
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