Titel: Dauer · Simultaneität · Echtzeit · von Marc Wittmann · S. 85
Titel: Dauer · Simultaneität · Echtzeit , 2000

MARC WITTMANN UND ERNST PÖPPEL

Hirnzeit

WIE DAS GEHIRN ZEIT MACHT

1. Einführende Gedanken

Zeit ist kein Gegenstand der sinnlich erfahrbaren Welt. Schon die Analyse unserer Umgangssprache zeigt, dass wir beim Sprechen über Zeiterlebnisse nicht auf ein Objekt oder ein Ereignis verweisen. Wir können über Bewegungen wie das Drehen der Zeiger einer Uhr sprechen. Wir geben Hinweise über unseren Gemütszustand der Langeweile, wenn ein Zug einfach nicht kommen will. Wir können aber nicht auf einen Gegenstand deuten, der unserem Zeiturteil entspricht. Es gibt keinen Zeitsinn von der Art, wie es zum Beispiel einen Seh- oder Gehörsinn gibt. Unserer sinnlichen Erfahrung unmittelbar gegeben sind Dinge, die wir sehen, Geräusche, die wir hören oder Düfte, die wir riechen. Zeit aber ist eine Konstruktion. Immanuel Kant deutete die Zeit – neben dem Raum – als reine Anschauung, die der empirischen Anschauung, unserer sinnlichen Erfahrung, vorhergeht. Als reiner Verstandesbegriff gibt die Zeit der wahrgenommenen Welt eine Struktur: „[…] denn wenn man von den empirischen Anschauungen der Körper und ihrer Veränderungen (Bewegung) alles Empirische, nämlich was zur Empfindung gehört, weglässt, so bleiben noch Raum und Zeit übrig, welche also reine Anschauungen sind, die vor aller empirischen Anschauung, d.i. der Wahrnehmung wirklicher Gegenstände, vorhergehen müssen […]“1. Zeit ist demnach die Form, mit der wir zu Wahrnehmungsurteilen kommen; sie stellt ein „physiologisches, d.i. ein Natursystem“2 dar, welches vor aller Erfahrung ist, d.h. aus der Sicht des Betrachters in der wahrgenommenen Welt nicht vorkommt, diese aber in eine zeitliche Ordnung bringt. Diese Naturerkenntnis kann „daher die eigentliche allgemeine und reine Naturwissenschaft genannt…

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