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Titel: Dauer · Simultaneität · Echtzeit · von Marc Wittmann · S. 85 - 90
Titel: Dauer · Simultaneität · Echtzeit , 2000

MARC WITTMANN UND ERNST PÖPPEL
Hirnzeit

WIE DAS GEHIRN ZEIT MACHT

1. Einführende Gedanken

Zeit ist kein Gegenstand der sinnlich erfahrbaren Welt. Schon die Analyse unserer Umgangssprache zeigt, dass wir beim Sprechen über Zeiterlebnisse nicht auf ein Objekt oder ein Ereignis verweisen. Wir können über Bewegungen wie das Drehen der Zeiger einer Uhr sprechen. Wir geben Hinweise über unseren Gemütszustand der Langeweile, wenn ein Zug einfach nicht kommen will. Wir können aber nicht auf einen Gegenstand deuten, der unserem Zeiturteil entspricht. Es gibt keinen Zeitsinn von der Art, wie es zum Beispiel einen Seh- oder Gehörsinn gibt. Unserer sinnlichen Erfahrung unmittelbar gegeben sind Dinge, die wir sehen, Geräusche, die wir hören oder Düfte, die wir riechen. Zeit aber ist eine Konstruktion. Immanuel Kant deutete die Zeit – neben dem Raum – als reine Anschauung, die der empirischen Anschauung, unserer sinnlichen Erfahrung, vorhergeht. Als reiner Verstandesbegriff gibt die Zeit der wahrgenommenen Welt eine Struktur: „[…] denn wenn man von den empirischen Anschauungen der Körper und ihrer Veränderungen (Bewegung) alles Empirische, nämlich was zur Empfindung gehört, weglässt, so bleiben noch Raum und Zeit übrig, welche also reine Anschauungen sind, die vor aller empirischen Anschauung, d.i. der Wahrnehmung wirklicher Gegenstände, vorhergehen müssen […]“1. Zeit ist demnach die Form, mit der wir zu Wahrnehmungsurteilen kommen; sie stellt ein „physiologisches, d.i. ein Natursystem“2 dar, welches vor aller Erfahrung ist, d.h. aus der Sicht des Betrachters in der wahrgenommenen Welt nicht vorkommt, diese aber in eine zeitliche Ordnung bringt. Diese Naturerkenntnis kann „daher die eigentliche allgemeine und reine Naturwissenschaft genannt werden.“2

Für die empirisch orientierte Naturwissenschaft schafft das Gehirn diese Zeitordnung. Das Gehirn stellt den zeitlichen Bezug der eingehenden Sinnesinformation her. Die Sinnessysteme übersetzen dabei physikalische oder chemische Reize in neuronal kodierte Information, der eine zeitliche Struktur zugrunde gelegt wird. Veränderungen in der physikalischen Welt sind dabei die Grundlage für unsere Idee von der Zeit. Diesbezüglich ist es wichtig, zwischen mehreren Zeiterlebnissen zu unterscheiden. Insbesondere zwei Aspekte von zeitlicher Informationsverarbeitung scheinen für unsere Erfahrung wesentlich zu sein: Zum einen die Wahrnehmung von Folge, zum anderen die von Dauer.3 Erstere bezieht sich auf die Erkennung von Einzelereignissen in ihrer zeitlichen Folge. Die Wahrnehmung von Dauer hingegen bezieht sich auf das Intervall zwischen zwei aufeinanderfolgenden Ereignissen.

In einer detaillierteren Klassifikation können mindestens fünf Zeiterlebnisse unterschieden werden: Es sind dies die Wahrnehmungen von Gleichzeitigkeit, Ungleichzeitigkeit, zeitlicher Folge, der Gegenwart und der Dauer.4 Diesen Zeiterlebnissen liegen auf der physikalischen Seite Veränderungen zugrunde, die im Millisekundenbereich beginnen (bei der Unterscheidung von Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit) und bei vielen Jahrzehnten enden, etwa wenn ein Mensch auf seine Lebensspanne zurückblickt.

2. Die Wahrnehmung von Ereignissequenzen

Die ersten drei Zeiterlebnisse (Gleichzeitigkeit, Ungleichzeitigkeit, zeitliche Folge) können mit Hilfe eines denkbar einfachen Experimentes hervorgerufen werden. Über Kopfhörer werden einem Probanden zwei Klickgeräusche von einer Millisekunde Dauer (eine Tausendstel Sekunde) präsentiert – ein Klick rechtsseitig, der andere linksseitig ans Ohr. Die beiden Reize werden dabei zeitlich versetzt dargeboten. Nun wird das zeitliche Intervall zwischen den beiden akustischen Reizen so verändert, dass der Hörer unterschiedliche Zeiterlebnisse hat. Um den Wahrnehmungseindruck von Gleichzeitigkeit zu haben, müssen die Reize physikalisch gesehen nicht gleichzeitig erfolgen. Auch wenn die Klicks leicht zeitversetzt dargeboten werden (z.B. mit zwei oder drei Millisekunden Abstand), nehmen wir sie noch als gleichzeitig war. Erst wenn ein Zeitabstand von mehr als zwei bis drei Millisekunden besteht, kommt es zum Eindruck, dass die Klicks die Ohren zeitlich versetzt reizten. Der Hörer empfindet Ungleichzeitigkeit. Es bedarf aber eines deutlich Ohren längeren Zeitintervalls, bevor der Proband die zeitliche Ordnung, welcher Klick zuerst kam, der linke oder der rechte, anzugeben vermag. Zwei Wahrnehmungsschwellen bestimmen also den Übergang des Eindruckes von gleichzeitig zu ungleichzeitig und von ungleichzeitig zu zeitlicher Ordnung.

Die Höhe der ersten Wahrnehmungsschwelle – die Fusionsschwelle, so genannt, da die Klicks subjektiv zu einem einzigen verschmelzen – variiert über die Sinnessysteme. Dieser Befund legt die Vermutung nahe, dass frühe periphere Gehirnprozesse an dieser Zeitauflösungsfähigkeit beteiligt sind. Das Hörsystem hat mit zwei bis drei Millisekunden die feinste Zeitauflösung, gefolgt vom Tastsinn (zwei taktile Reize auf der Haut müssen für den Eindruck von ungleichzeitig einige Millisekunden mehr differieren) und vom Sehsinn (die Schwelle bei zwei Lichtreizen liegt um den Faktor 10 höher als beim Hören)4. Beim Übergang von Ungleichzeitigkeit zu zeitlicher Ordnung – dieser Schwellenwert wird als Ordnungsschwelle bezeichnet – unterscheiden sich die Werte über die drei genannten Sinne nicht wesentlich, so dass von einer eher zentralen Verarbeitung bei der Erkennung von zeitlicher Reihenfolge ausgegangen werden kann.

Untersuchungen zur Ermittlung von Ordnungsschwellenwerten bei Patienten mit Gehirnverletzung haben ergeben, dass Patienten mit linksseitigen Verletzungsherden in der Schläfenlappen- und der Scheitellappenregion erhöhte Ordnungsschwellenwerte aufweisen.5 Diese neurologischen Patienten weisen sehr häufig auch Sprachverständnisdefizite, bestimmte Formen von Aphasie, auf. Theoretisch kann der Zusammenhang zwischen der Sprachverarbeitungsstörung und der beeinträchtigten Zeitwahrnehmungsfähigkeit auf der Ebene der Lautwahrnehmung verstanden werden. Gesprochene Sprache muss schließlich in der Zeit verarbeitet werden. Die Erkennung der zeitlichen Ordnung der einzelnen Komponenten des Sprachsignals, das an unser Ohr dringt, ist daher eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis des Gesprochenen. Bei manchen Patienten mit Aphasie wirkt sich die generelle Verschlechterung in der Erkennung von zeitlicher Ordnung von akustischen Reizen auf die Wahrnehmung von bestimmten Sprachlauten aus. Die Identifikation bestimmter Konsonanten etwa ist abhängig von der Wahrnehmung zeitlicher Eigenschaften des sprachlichen Lautes, die sich über einen Zeitraum von deutlich unter 100 ms entwickeln.

Diese linkshemisphärischen Regionen der Großhirnrinde sind demnach ein wesentlicher Bestandteil eines neuronalen Mechanismus, der die Erkennung von zeitlicher Ordnung ermöglicht. Dieser Gehirnmechanismus kann – unter Einbezug vieler weiterer, auch elektrophysiologischer Befunde, bei denen periodische Gehirnaktivität sichtbar gemacht wird – als oszillatorischer Prozess beschrieben werden.6 In diesem Modell stößt ein erster Reiz (im Experiment ein Klick) eine neuronale Oszillation an, die mit Periodendauern von ungefähr 30 Millisekunden schwingt. Jede Periode stellt nun eine Art unzeitlichen Systemzustand dar, in dem keine zeitliche Folge – also eine Vorher-nachher-Relation – erstellt wird. Wird nun der zweite Reiz noch innerhalb der ersten Periodenlänge verarbeitet, da das Zeitintervall zwischen den beiden Klicks beispielsweise nur 15 Millisekunden betrug, kann die zeitliche Ordnung der Stimuli nicht erkannt werden. Nur wenn das Interstimulus-Intervall länger als ca. 30 ms ist, wird zeitliche Folge erkannt, da der zweite Reiz in einer nachfolgenden Periode verarbeitet wird. Diese pulsartige Gehirnaktivität stellt also einen Zeitgeber dar, der auf einer elementaren Ebene eingehende Sinnesinformation in ihrer zeitlichen Folge strukturiert. Der gerade beschriebene zeitliche Gehirnmechanismus, der in einem Zeittakt von 30 Millisekunden operiert, erschafft gleichsam die kleinsten zeitlichen Bausteine unserer Wahrnehmung. Die zeitliche Folge von Ereignissen wird erkennbar. Dieses Zeiturteil gelingt uns so mühelos, dass wir gar nicht darüber nachdenken, dass das Gehirn stets arbeiten muss, um die Erkennung von Reihenfolge zu ermöglichen. Gerade an Patienten mit Hirnverletzungen, wie oben beschrieben, wird klar, dass diese Leistung ein aktiver Prozess des Gehirns ist, der gestört werden kann.

3. Die Gegenwartsdauer

Wir erleben aber nicht eine Folge von zusammenhangslosen Einzelereignissen. Wir nehmen aus der Umwelt keine zeitlich zerstückelten Wahrnehmungssplitter auf sondern zeitlich zusammenhängende Muster. Aufeinanderfolgende Ereignisse werden vom Gehirn automatisch zusammengefasst. Auf einer weiteren zeitlichen Ebene lässt sich der Mechanismus zur Integration diskreter, in ihrer zeitlichen Ordnung analysierter Elemente zu Wahrnehmungsgestalten beschreiben. Was wir in jenem Zeitintervall erleben, in dem die Sinnesinformation integriert wird, hat für uns dann den Eindruck der Gegenwärtigkeit. Die subjektive Gegenwart ist dabei kein Zeitpunkt auf der Zeitachse zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie umfaßt einen gewissen Zeitraum. Dieses Jetzt-Zeit-Gegenwartsfenster von 2 bis 3 Sekunden bestimmt auf der Verhaltensebene unser gesamtes Erleben und Handeln und lässt sich experimentell sowie in Verhaltensbeobachtungen nachweisen.7

Am Musikerleben wird die Wirkung des Integrationsmechanismus am deutlichsten: Ohne eine Ereignisbindung, die sich über eine bestimmte Dauer erstreckt, würden wir nur sequentiell präsentierte Einzeltöne hören. Tatsächlich aber werden wir von einem musikalischen Motiv, das eine zeitlich zusammenhängende Gestalt bildet, bewegt. Obwohl ein Ton oder Klang schon verklungen ist und darauffolgend ein anderer zu hören ist, wirkt das Vergangene noch nach. Erst auf diese Weise entsteht in uns das Empfinden für die Melodie. Diese zeitliche Organisation von Musik in etwa 3-Sekunden-Segmenten lässt sich im übrigen in vielen musikalischen Motiven wie etwa in der 5. Sinfonie von Beethoven oder im „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner nachweisen.8 Elementarer zeigt sich diese Integrationsleistung, wenn wir einzelne Metronomschläge zu Taktgestalten verbinden, jeder zweite Schlag beispielsweise subjektiv akzentuiert wird. Dieses auditorische Bindungsvermögen stößt an seine Grenzen, sobald das Zeitintervall zwischen zwei Schlägen zwei bis drei Sekunden übersteigt. Dann hören wir nur noch eine Folge von Einzelschlägen.

Ein prägnantes Beispiel für die Auswirkung des zeitlichen Integrationsmechanismus auf die Leistungsfähigkeit im Verhalten stellt die sensomotorische Synchronisation dar. In einem Experiment wird der Proband aufgefordert, eine regelmäßige Tonfolge durch das Berühren einer Taste zu begleiten. Jedes Mal wenn ein Ton zu hören ist (z.B. jede halbe Sekunde), soll synchron dazu mit dem Finger die Taste niedergedrückt werden. Um diese Aufgabe zu bewerkstelligen, muss der Proband das Auftreten des Tones antizipieren, was in der Regel problemlos gelingt. Verlängert man aber das Intervall zwischen den Tönen, gelingt irgendwann das zeitlich synchrone Berühren der Taste nicht mehr. Nur bis zu Interstimulus-Intervallen von etwa zwei bis drei Sekunden (das ist von Person zu Person etwas verschieden) kann man die Bewegung mit der gehörten Tonfolge synchronisieren.9 Es scheint, als ob die Fähigkeit, ein kommendes Ereignis mit einer Eigenbewegung zu koordinieren, von den zeitlichen Vorgaben des Integrationsmechanismus abhänge. Wenn die zu begleitenden Intervalle die zeitlichen Grenzen unseres Gegenwartsfensters übersteigen, diese damit förmlich aus unserem bewusst überschaubaren Zeithorizont verrückt sind, gelingt die gestellte Aufgabe nicht mehr.

Aber auch in unserer Sprache, die rhythmisch gegliedert ist, lässt sich der Integrationsmechanismus nachweisen. Sprechen ist unmerklich etwa alle drei Sekunden durch kleine Planungspausen unterbrochen. Diese zeitliche Segmentierung findet ihren stärksten Ausdruck – und dieser ist leicht nachprüfbar – in der Dichtkunst. Die meisten Gedichte weisen Verszeilen auf, die – gesprochen – nicht länger als 3 Sekunden dauern. Der Hexameter und der Alexandriner, die durch längere Verszeilen charakterisiert sind, haben dafür eine Zäsur in der Zeile. Da sich diese zeitliche Gliederung über verschiedene Kulturkreise und Sprachen hinweg finden lässt, also unabhängig von Tradition und Grammatik zu sein scheint, weisen diese Untersuchungen zur Poesie auf eine universelle Konstante hin, die mit dem zeitlichen Integrationsvermögen des Gehirns in Zusammenhang gebracht werden kann.10 Es ist natürlich nicht anzunehmen, dass die Dichter ein explizites Wissen über die Informationsverarbeitung in 3-Sekunden-Schritten besaßen. Denkbar aber ist, dass es aufgrund der neurophysiologischen Vorgaben für das ästhetische Empfinden des Künstlers am ansprechendsten war, die lyrischen Texte in diese zeitlichen Segmente zu unterteilen. Wahrnehmen und Handeln sind also so strukturiert, dass in regelmäßigen Abständen neue „Gegenwartsfenster“ für Informationsaufnahme und Wissensrepräsentation geöffnet werden. So gesehen, fragt das Gehirn alle drei Sekunden nach Neuartigem in der Welt. Wir schaffen durch diesen Mechanismus ein ständiges Update der Repräsentation unserer Umgebung und eröffnen uns so neue Perspektiven.

Ein philosophischer Untersuchungsgegenstand Ludwig Wittgensteins war die Aspekthaftigkeit des Sehens, das Bemerken, dass wir Objekte unter verschiedenen Perspektiven auffassen können. Anhand des Phänomens der Wahrnehmung von doppeldeutigen Figuren, visuellen Kippbildern wie etwa dem Necker-Würfel, dem Hase-Ente-Bild oder der Rubin-Figur, bei dem wechselweise zwei Perspektiven zu sehen sind. Er versuchte hierbei die Vorstellung des geistigen Bildes „in uns“ zu widerlegen.11 Betrachten wir die Hase-Ente-Figur, sehen wir eine der beiden Perspektiven – den Hasen oder die Ente. Nach kurzer Zeit wechselt der Aspekt schlagartig. Nach einiger Zeit wechselt die Perspektive erneut. Die doppeldeutigen Zeichnungen sind zwar ein speziell konstruiertes Motiv. Die Erfahrung des Aspektsehens ist aber ein generelles Phänomen unserer Wahrnehmung: „Ich betrachte ein Gesicht, auf einmal bemerke ich seine Ähnlichkeit mit einem anderen. Ich sehe, dass es sich nicht geändert hat; und sehe es doch anders. Diese Erfahrung nenne ich ‚das Bemerken eines Aspekts‘.“12 Wittgenstein ging es aber bei seinen Untersuchungen der Ambiguität von optischen Figuren um das Aufzeigen von fehlgeleitetem Sprachgebrauch, nicht um das Aufdecken von Prozessen, die dem Aspektwechsel zugrunde liegen. „Seine Ursachen interessieren den Psychologen.“12 Diese haben nun herausgefunden, dass die beiden Perspektiven automatisch etwa alle drei Sekunden wechseln. Es ist so, als würde das Gehirn in diesem Rhythmus neue Information einholen, die für die alternative Sichtweise bestimmend ist. Durch kleinste Kopf- oder Augenbewegungen etwa, werden Teile des Bildes in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, welche den Wechsel zu einer anderen Perspektive bedingen. „Eine Art der Aspekte könnte man ‚Aspekte der Organisation‘ nennen. Wechselt der Aspekt, so sind Teile des Bildes zusammengehörig, die früher nicht zusammengehörig waren.“13 In der Tat konnte gezeigt werden, dass der Ort der Augenfixation auf die Wahrnehmung eines Aspektes einen Einfluss hat. In einer Studie14 wurden am Computer aus einer reinen Hasen- und einer reinen Entenfigur mehrere Hase-Ente-Mischfiguren erstellt und diejenige ausgewählt, die in einer Gruppe Betrachter zu etwa gleichen Anteilen die Wahrnehmung von Hase oder Ente hervorrief (siehe Abbildung rechte Seite). Angenommen wurde, dass durch eine Lenkung der Blickrichtung auf spezifische Merkmale der Figur, die entweder wichtig für die Wahrnehmung des Hasen oder der Ente sind, eine Perspektive „erzwungen“ werden könnte. In der Tat berichteten Probanden, öfters den Hasen als die Ente gesehen zu haben, wenn der Fixationspunkt an der Stelle a (Hasenschnauze) lag. Die Ente wurde häufiger als der Hase gesehen, wenn der Fixationspunkt an der Stelle b (Entenschnabel) lag (siehe Abbildung rechte Seite).

Die Kippfiguren stellen ein probates Studienmaterial für die Erfassung der Dynamik des Integrationsmechanismus dar. Mit Hilfe dieser einfachen Reize gelingt der experimentelle Einblick in die zeitlichen Randbedingungen der Gegenwartsdauer. In Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass die Aspekte der einfachen Kippfiguren (wie dem Necker-Würfel und der Rubin-Figur) durchschnittlich alle zwei bis drei Sekunden wechseln. Diese Fähigkeit ist zum großen Teil abhängig von Aktivitäten frontaler Regionen der Großhirnrinde. Bei manchen Patienten mit Hirnverletzungen in dieser Region kippt die Wahrnehmung deutlich später als nach 3 Sekunden (z.B. erst nach fünf oder sechs Sekunden). Man könnte diesen Befund dahin gehend interpretieren, dass bei diesen Patienten die visuelle Information, die für den Aufbau einer Perspektive nötig ist, langsamer zu einer Gestalt aufgebaut wird.15

Zeitliche Segmentierung lässt sich also in einem zeitlichen Bereich von 30 Millisekunden und 3 Sekunden beobachten. Die angesprochenen Zeitverarbeitungsmechanismen des Gehirns kreieren folglich sowohl die zeitliche Ordnung als auch die subjektive Gegenwart. Diese Hirnfunktionen sind damit eine formale Grundlage unserer Wahrnehmung. Sie stellen ein zeitliches Konstrukt dar, das aller sinnlichen Erfahrung vorausgeht.

4. Das Erleben von Dauer

Über die bisher beschriebenen Zeitbereiche hinaus existiert die Erfahrung von „längerer Dauer“. Bereits eine Ereignisdauer von nur fünf, sechs Sekunden kann nicht mehr als Ganzes für unser Gegenwartserleben integriert werden. Für das Erleben der Dauer müssen dann Ereignisse der Vergangenheit (auch wenn diese nur einige Sekunden zurückliegen) mit denen der Gegenwart verbunden werden. Allerdings gibt es auch hier verschiedene Arten der Zeitverarbeitung. Aus unserem Erlebnisbereich können wir schließlich verschiedene Typen der Zeitwahrnehmung aufzählen.

Grundsätzlich kann man Zeiturteile in prospektive und retrospektive unterteilen. Prospektive Zeiturteile geben wir immer dann ab, wenn in einer Situation der momentane Ablauf der Zeit, ob subjektiv schnell oder langsam vergehend, wahrgenommen wird. Retrospektive Zeiturteile werden vorgenommen, wenn man nach Ablauf eines Zeitintervalls Aussagen über die subjektiv empfundene Dauer macht.

Ein Phänomen der Zeitwahrnehmung ist uns allen sehr vertraut. Erinnern Sie doch sich an die Schulzeit, in der wir bei schönstem Wetter im Klassenzimmer einem langweiligen Unterricht folgen mussten. Die Zeit bis zum Ende der Schulstunde wollte einfach nicht vergehen. Die Zeit kroch im Schneckentempo dahin. Der gleiche Zeitraum aber – nachmittags beim Spiel mit Freunden – verging sprichwörtlich wie im Fluge. Wir beurteilen zwei Zeitdauern von gleichem Ausmaß, subjektiv aber erleben wir sie unterschiedlich. Glücklicherweise müssen wir nicht immer Wissenschaftler um Rat fragen, um uns die Welt zu erklären. Christian Morgenstern schrieb in seinem Gedicht Die Zeit über dieses Phänomen und gibt die Erklärung in lyrischer Form. Übrigens können Sie beim Lesen des Gedichtes selbst überprüfen, wie lange Sie etwa für eine Zeile brauchen, ob eine Zeile vom Gegenwartsfenster mit ca. 3-Sekunden-Dauer erfasst wird.

Es gibt ein sehr probates Mittel,
die Zeit zu halten am Schlawittel:
Man nimmt die Taschenuhr zur Hand
und folgt dem Zeiger unverwandt.

Sie geht so langsam dann, so brav
als wie ein wohlgezogenes Schaf,
setzt Fuß vor Fuß so voll Manier
als wie ein Fräulein von Saint-Cyr.

Jedoch verträumst du dich ein Weilchen,
so rückt das züchtigliche Veilchen
mit Beinen wie der Vogel Strauß
und heimlich wie ein Puma aus.

Und wieder siehst Du auf sie nieder;
ha, Elende! – Doch was ist das?
Unschuldig lächelnd macht sie wieder
die zierlichsten Sekunden-Pas.

Der entscheidende Faktor, der die subjektiv empfundene Geschwindigkeit des Zeitverlaufs bestimmt, ist hier die Aufmerksamkeit. Richten wir unsere Gedanken auf die Zeit, vergeht sie langsam. Sind unsere Gedanken auf anderes gerichtet, merken wir den Fortgang nicht und sind überrascht, wie schnell die Zeit vergangen ist. Beim langweiligen Schulunterricht starren wir ganz gebannt auf die Zeiger der Uhr und bewirken genau das, was wir nicht wollten – nämlich die unerträgliche Langsamkeit des Zeitflusses. Scheinbar machen wir aber auch umgekehrt etwas falsch, wenn wir in der entspannten Situation mit Freunden die Zeit vergessen – sie verrinnt erbarmungslos schnell dahin. In Modellen der Zeitschätzung geht man davon aus, dass ein Zeitgeber des Gehirns eine regelmäßige Pulsfolge abgibt, die in einem Zähler gesammelt wird. Die Anzahl der eingehenden Impulse wird dann nach Ablauf eines Zeitintervalls für die Repräsentation der Zeitdauer genutzt. Je mehr Impulse gespeichert wurden, desto länger wird die Zeit eingeschätzt. Dieses System aus Pulsgeber und Zähler wird als Gehirnuhr, die in einem bestimmten Takt arbeitet, diskutiert.16 Die Impulse werden aber nur im Zähler erfasst, wenn die Aufmerksamkeit auf die Zeit gerichtet ist. Schweifen wir ab – weil wir mit irgend etwas beschäftigt sind, also vom Zeitfluss abgelenkt sind –, gehen weniger Pulse im Zähler ein. Dadurch werden weniger Zeiteinheiten gesammelt. Subjektiv wird die Zeitdauer dann als kürzer eingeschätzt als in der Situation, in der wir uns auf die Zeit konzentrieren.

Eine andere Qualität von Dauererlebnis entsteht in uns, wenn wir auf eine zurückliegende Zeitspanne blicken. Am Abend kann uns ein Tag als langdauernd oder aber als schnell vergangen vorkommen. In dem Moment, in dem wir ohne vorher über die Zeit nachgedacht zu haben, zurückblicken, also eine retrospektive Zeitschätzung vornehmen, bilden wir unser Urteil nicht aufgrund einer gesammelten Menge an Pulsen in einem Zeitzähler, die sich nach obiger Annahme nur ansammeln kann, wenn wir bewusst auf die Zeit achten, die zwischen zwei Zeitpunkten vergeht. Die Menge an Erlebtem verursacht in diesem Fall den subjektiven Eindruck von Dauer. Ein mit interessanten Abwechslungen angehäufter Tag bedeutet eine Fülle an Gedächtnisinhalten, die uns diesen Tag lang werden lassen. Ein monotoner Alltag, der sich durch kein besonderes Erlebnis, sondern durch die Wiederkehr des Immergleichen auszeichnet, wird in der Erinnerung auf eine vernachlässigbare Größe (d.h. Zeitdauer) reduziert.

Eine bekannte Klage vieler Menschen, dass die Zeit im Laufe des Lebens mit dem Alter immer schneller voranschreite, kann mit Hilfe dieser Annahmen zum Verständnis des Dauererlebens erklärt werden. Kindheit und Jugend sind geprägt durch kontinuierliche Lernerfahrungen auf praktisch jedem Gebiet. Noch im frühen Erwachsenenalter machen wir so viele Erfahrungen zum ersten Mal. Viele Tage zeichnen sind durch Neuartigkeit aus. Diese Zeitpunkte erhalten durch ihren Status der Erstmaligkeit besondere Relevanz und werden im Gedächtnis abgespeichert. Wir können uns an viel mehr Einzelheiten erinnern. Die Erinnerung an diese damalige Zeit hat mehr Gewicht. Im Rückblick empfinden wir dann weit ausgedehnte Zeiträume, woraus wir schließen, dass die Zeit langsamer vergangen ist. Im späteren Erwachsenenalter aber wird vieles Routine. Alle Lebensbereiche sind stärker durch Wiederholungen charakterisiert. Das Allzubekannte des Alltäglichen aber muss nicht mehr als Besonderes im Gedächtnis behalten werden. Der morgendliche Gang zur Arbeitsstätte, gefolgt vom mittäglichen Mahlzeitnehmen in der immer gleichen Kantine mit dem wohlbekannten Geschmack bis zur abendlichen Heimkehr, wo wiederum die vorhersehbare Freizeitgestaltung ihren Lauf nimmt, muss nicht auf besondere Weise behalten werden. Wenn dann der Urlaub auch noch jahrelang am selben Ferienort verbracht wird, braucht man sich nicht über das Tempo des Zeitverlaufes – auf den Tod hin – zu wundern. Diese Ereignisse brauchen nicht ständig neu gespeichert zu werden. Die Folge ist eine verringerte Menge an einbehaltenem Geschehen und damit eine verkürzte subjektive Dauer einer Zeitspanne. Ohne besondere Erlebnisse vergeht so das Jahr des Erwachsenen in beängstigender Geschwindigkeit. Thomas Mann hat uns in seinem Zauberberg über genau diesen Sachverhalt des Zeiterlebens belehrt.17 Wieder finden wir wissenschaftliche Erkenntnis in Literatur vorweggenommen, also durch lebensweltliche Erfahrung erfasst. Der Erzähler im Roman beschreibt anhand der Zeitdauererfahrung im Urlaub, wie die ersten Tage durch die abwechslungsreichen Erlebnisse an unbekanntem Ort, die das Gleichmaß der alltäglichen Anforderungen des Lebens durchbrechen, lang andauern. Nach einiger Zeit des Aufenthaltes jedoch, verkürzen sich wieder die Tage in dem Maße, wie der Gewöhnungseffekt an das einst Neue eingesetzt hat. Gegen Ende des Urlaubes verfliegen die Tage wieder und es wird uns gewahr, dass die freie Zeit unaufhaltsam schnell dem Ende entgegen eilt. Diese Erfahrungen machen deutlich, dass wir dem Erlebnis von Dauer nicht einfach ausgesetzt sind, dass sich der subjektive Zeitfluss nicht in monotoner Weise immer im selben Tempo bewegt. Bei prospektiver Zeitschätzung verlängert die bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Zeit die Dauer. Eine erlebnis- und abwechslungsreiche Lebensführung bewirkt bei der retrospektiven Zeitschätzung die subjektive Verlängerung der Dauer. In der prospektiven Situation konzentrieren wir uns auf den Zeitverlauf selbst, so wie wir ihn im Moment erleben. Für die subjektive Ausdehnung der Zeit in der Rückschau müssen wir bemerkenswerte Ereignisse gleichsam sammeln, also Erlebnisse aufmerksam wahrnehmen. In beiden Fällen ist die Kultivierung der Gegenwärtigkeit – das Gewahrwerden entweder der Zeit oder des Erlebten – von Nutzen, wenn wir den Wert der Zeit in ihrer subjektiven Dauerhaftigkeit schätzen. Geradezu zeittötend ist hingegen der Fall, in dem wir vorherrschend auf Zukünftiges in Form von Terminen gerichtet sind. Wenn unsere Aufmerksamkeit gar nicht in der Gegenwart weilt, sondern auf die Erledigung von Aufgaben für einen bestimmten Termin gerichtet ist, wir ständig an die Termine der kommenden Tagesverläufe denken, nehmen wir weder im Moment die Zeit wahr, noch nehmen wir bewußt gegenwärtig Erlebtes auf. Weder prospektiv noch retrospektiv erfahren wir dann die Zeit, sie geht uns verloren.

Anmerkungen
1.) Kant, I. (1783). Prolegomena zu einer künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können. Riga: Johann Friedrich Hartknoch [S.41 in der Neuauflage, Stuttgart: Reclam, 1989].
2.) ebenda, S.70
3.) Fraisse, P. (1984). Perception and estimation of time. Annual Review of Psychology 35, 1-36.
4.) Pöppel, E. (1978). Time perception. In: R. Held, H.W. Leibowitz, H.-L. Teuber (eds.), Handbook of Sensory Physiology, Vol. VIII: Perception. Berlin: Springer, 713-729. Pöppel, E. (1995). Wie kam die Zeit ins Hirn? Neurophysiologische und psychophysische Untersuchungen zum menschlichen Zeiterleben. In: K. Weis (Hrsg.), Was ist Zeit? München: DTV, 127-152.
5.) Wittmann, M. (1997). Die zeitliche Organisation von Wahrnehmung und Motorik. Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.
6.) Eine Übersicht dieser Befunde findet sich in: Pöppel, E. (1997). A hierarchical model of temporal perception. Trends in Cognitive Sciences 1, 56-61.
7.) Eine Zusammenschau der empirischen Belege findet sich u.a. in: Schleidt, M., Kien, J. (1997). Segmentation in behavior and what it can tell us about brain function. Human Nature 8, 77-111. Pöppel, E., Wittmann, M. (1999). Time in the Mind. In: R. Wilson, F. Keil (eds.), The MIT encyclopedia of the Cognitive Sciences. Cambridge, MA: MIT press. Siehe auch die Literatur unter Anmerkung 4.
8.) Pöppel, E. (1989). The measurement of music and the cerebral clock: A new theory. Leonardo 22, 83-89.
9.) Mates, J., Müller, U., Radil, T., Pöppel, E. (1994). Temporal integration in sensorimotor synchronization. Journal of Cognitive Neuroscience 6, 332-340.
10.) Turner, F., Pöppel, E. (1988). Metered poetry, the brain, and time. In: I. Rentschler, B. Herzberger, D. Epstein (eds.), Beauty and the brain. Basel: Birkhäuser, 71-90.
11.) Eine eingehende Darstellung der Gedanken Wittgensteins zum Aspektsehen findet sich z.B. in: Budd, M. (1987). Wittgenstein on Seeing Aspects. Mind 96, 1-17.
12.) Wittgenstein, L. (1989). Philosophische Untersuchungen. Frankfurt: Suhrkamp, S.518.
13.) ebenda, S.543.
14.) Wittmann, M., Leder, H. (1994). Experimentelle Einflußfaktoren beim Hase-Ente-Kippbild. Abstract. Präsentation auf der 36. Tagung experimentell arbeitender Psychologen, München.
15.) Steinbüchel, v. N., Wittmann, M., Szelag, E. (1999). Temporal constraints of perceiving, generating, and integrating information: Clinical indications. Restorative Neurology and Neuroscience 14, 167-182.
16.) Zakay, D., Block, R. (1997). Temporal cognition. Current Directions in Psychological Science 6, 12-16.
17.) Diese Überlegungen finden sich in der Neuauflage des Werkes unter der Überschrift Exkurs über den Zeitsinn auf den Seiten 143ff. Thomas Mann. Der Zauberberg, Berlin: S. Fischer, 1924. (Neuauflage 1992: Frankfurt: Fischer).