Monografie · von Jens Asthoff · S. 274
Monografie , 2000

JENS ASTHOFF

Manfred Miersch

MYSTERIEN DER SIGNIFIKATION

Im Sommer 1999 erreichte die Adressaten des Kunstvereins Braunschweig eine ungewöhnliche Einladung. Angekündigt wurde die Veranstaltung einer Gemeinschaft der Freunde des Wirkenden Lichts, für die der Berliner Künstler Manfred Miersch eine Auftragsarbeit realisiert habe und diese nun im Rahmen einer Ausstellung präsentieren werde.1 Das wirkte im Vorfeld sektiererisch genug, um besorgte Mitglieder des Kunstvereins zu Anfragen an die Kustodin Karola Grässlin zu veranlassen, ob womöglich fiat lux dort Séancen veranstalte. Doch dazu kam es nicht. Wer allerdings die Ausstellung besuchte, fand sich tatsächlich im ganzheitlichen Klima eines ’spirituell gefärbten‘ Kultraums wieder – und in der Ungewissheit, ob sich dieser nun wirklich der kongenialen Zusammenarbeit mit einer Bruderschaft verdankte und hier ein weltanschaulich ambitionierter Künstler – wie der Katalog2 verrät – die „ehemalige Studiogalerie“ zum „Tempelhaus“ jener Gemeinschaft erhoben hatte. Der ‚white cube‘ war wie ausgewechselt: Der Ausstellungsort war zum Meditationsraum geworden. Miersch orientierte sich hier frei an Modellen lebensreformerischer Utopien der 20er Jahre. Modelle allesamt im Zeichen jenes sprichwörtlichen Hangs zum Gesamtkunstwerk und bestrebt, den Menschen in Übereinstimmung mit einer spirituellen Perspektive im wirkenden Raumerleben förmlich zu ‚verwandeln‘. Auf Konstruktion so verstandener ‚Wirklichkeit‘ hin sollten dort gattungsübergreifend Architektur, Skulptur, Licht etc. synästhetisch verbunden werden – etwa in Rudolf Steiners Goetheaneum, in Wenzel Habliks Entwürfen zu einer Kristallarchitektur, in Bruno Tauts 1914 realisiertem Glashaus, oder in Fidus‘ Tempel- und Kultbau-Fantasien. Auch Mierschs Raumgestaltung folgte einer konsequent durchgehaltenen Rhetorik des Schauens; die Inszenierung war als geschlossene Oberfläche eines ins Sakrale deutenden Minimalismus durchstrukturiert und besetzt mit einer ebenso…

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