Titel: Zeitgenössische Farbfotografie · von Walter Grasskamp · S.
Titel: Zeitgenössische Farbfotografie , 1982

Augenschein

Über die Lesbarkeit des Portraits und die Handschrift des Fotografen
von Walter Grasskamp

„Wenn dieser nicht ein Schelm ist, so
schreibt Gott keine leserliche Hand“ 1

Physiognomie

Die Unsicherheit, die einen im Umgang mit den Mitmenschen befallen kann, resultiert oft aus der Unklarheit über die Absichten und den Charakter des Anderen. Selten ist an seinem Gehabe, noch seltener an seinem Aussehen abzulesen, ob er das Vertrauen auch verdient, das er beansprucht oder erwirbt. Gerade die freundlichsten Mienen können die unfreundlichsten Absichten maskieren; hinter wohlgeformten Gesichtszügen, an denen wir unsere erste Sympathie festmachen, mag sich manches abspielen, das keine Sympathie rechtfertigt.

Um das Risiko dieser Unsicherheit einzuschränken, ist mancherlei ersonnen und feilgeboten worden, namentlich die Graphologie, die Phrenologie und die Physiognomik, die ihre kanonische Ausformulierung allesamt im 18. Jahrhundert erfahren haben. Wie die Graphologie vorgab, sich über das Schriftbild Einblick in den Charakter verschaffen zu können, befleißigte sich die Phrenologie der Analyse von Schädelformen, der irrigen Auffassung folgend, daß in bestimmten Regionen des Außenhirns lokalisierbare Fähigkeiten und Anlagen nachzuweisen seien, deren Ausprägung sich an der entsprechenden Schädeldecke nachmessen ließen. Die einflußreichste Kunde von der Beziehung zwischen Erscheinung und Charakter eines Menschen war allerdings die maßgeblich von Johann Kasper Lavater propagierte Physiognomie, deren Richtlinien er in seinen Physiognomischen Fragmenten 1775 veröffentlichte.

Es scheint, als ob im 18. Jahrhundert der Bedarf an solchen Orientierungen sprunghaft gewachsen sei, als ob expandierende Märkte, weitreichende Handelsbeziehungen und das städtische Leben eine große Menge von Leuten miteinander in Verkehr brachten, die einander nicht kannten und dennoch auf einander angewiesen waren. Es war…

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