Titel: Idylle oder Itensität , 1980

Germano Celant

Die italienische Erfahrung

Zwischen 1952 und 1963 erlebt Italien einen derartigen industriellen und wirtschaftlichen Aufschwung, daß man auf ihn das Wort „Wunder“ anwendet. Es ist das Jahrzehnt einer zügellosen Entwicklung, und das italienische Wirtschaftswunder zielt auf einen Konsum amerikanischen Stils. Das zurückgebliebene Italien wird wiederbelebt durch einen technologischen Boom. Auf kulturellem Gebiet drückt er sich in einer Art „hoffnungsvoll-planender Haltung“ aus. Die Ursprünge des Booms liegen in Programmierung und Konsum, und seine Weiterentwicklung sollte sich in interdisziplinärer Zusammenarbeit politischer und intellektueller Kräfte vollziehen. Für eine kurze Reihe von Jahren wird der schnelle Aufschwung tatsächlich nicht nur vom internationalen Kapitalismus getragen, sondern auch von Theorien, die die italienische Gesellschaft zu einem funktionierenden Teil der Weltfabrik machen wollen. Auf dieser Ebene der Verherrlichung der Industrialisierungssysteme bewegen sich auch die wichtigsten Theoretiker* der Kunst (auf diese Weise erlebt auch sie den „Sisyphos-Effekt“ technologischer Expansion und industrieller Planung). Die italienische Nachkriegskunst wird vom technologisch-industriellen Aufschwung zu einem Handeln angeregt, das zugunsten einer vermeintlich humanistischen, freilich illusorischen, konsumorientierten Zukunft jedes subjektiv-persönliche Agieren ausschließt (wir sind im Klima der Entstalinisierung und des Nach-Existentialismus, dessen Niedergang mit dem Infragestellen des informellen Subjektivismus zusammenfällt). Es ist die Zeit des Positiven und der Zusammenarbeit zwischen Intellekt und Industrie (makroskopische Beispiele: etwa die Anstrengungen von Olivetti und Italsider, sich ein kulturelles Image zu geben).

Das Design wertet alle intellektuellen Hervorbringungen auf, indem es jedes visuelle, verlegerische, politische oder literarische Produkt zur Luxusware stilisiert. Alle Produktionsfaktoren werden auf die Erscheinung zugeschnitten, die Sprache wird lautlos und die Kunst kehrt an einen Nullpunkt…

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von Germano Celant

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