Titel: Idylle oder Itensität · von Marlis Grüterich · S. 21
Titel: Idylle oder Itensität , 1980

Marlis Grüterich

Poetische Aufklärung in der Ikonographie der Alltagskultur

– Das erlebte Zeitbild

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Monster“, Goyas doppelsinniger sprichwörtlicher Hinweis auf seine ausweglose Situation zwischen dem religiösen Fanatismus der Inquisition und dem gefährlichen Leben eines spanischen „Aufgeklärten“ vor, zwischen und nach den Einmärschen Napoleons macht nachfühlbar, wie ohnmächtig ausgeliefert er sich fühlte und warum er bis zum Schluß auf den Schutz eines Hofmalers Wert legte.

In seinem gezeichneten Selbstportrait scheint auch Francesco Clemente dem Gezwitscher verschiedener Vögel und den Rufen der Eule „nackt“ ausgeliefert zu sein. Er muß sie alle hören, und das scheint ihn zu verwirren, zu beängstigen.

Die Ähnlichkeit der Bilder, trotz des säkularen Zeitunterschieds, kommt nicht von ungefähr.

In der Kunst betrachtet sich der Einzelne, der Künstler, in der Masse oder in ihrem extremen Gegensatz, in der Natur, in Erlebnisbildern, in denen jeder gleich ist, seitdem die ganze Menschheit in der Großstadt sichtbar wurde – und die Politik durch das Volk moralisch motiviert wurde. Balzacs und Zolas Romane haben ihre Entsprechungen in den realen Allegorien von Courbets „Atelier“, Daumiers „Ecce Homo“ und Renoirs „Moulin de la Galette“. Das erlebte Zeitbild, bei Goya Ausdruck nervlichen, geistigen und körperlichen Leidens an einer unerträglichen Ideologie, bei Renoir der für alle erwünschte Sonntag – im Gegensatz zum Weltjahrmarkt der Weltausstellungen und zum deutsch-französischen Krieg -, van Goghs intensive Wahrnehmung des intensiven Lebens in der Natur, das ist eine Auswahl aus unserer Bildtradition ohne ideologisch festgelegte Ikonographie. Sie stellt das Erleben der höheren Werte im Alltag dar.

In der italienischen Kunst der Gegenwart wurde die längst…

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