Titel: Zwischenbilanz II - Neue Deutsche Malerei · S. 96
Titel: Zwischenbilanz II - Neue Deutsche Malerei , 1983

Ina Barfuss

Schon immer hat man den engagiertesten Künstlerinnen und Künstlern gerne nachgesagt, sie verhielten sich zynisch, wenn sie die Dinge beim Namen nannten. Goya erging es so, Picasso und George Grosz. Der Vorwurf indes kam und kommt aus wechselnden Richtungen, er munitioniert sich aus den Rüstkammern unterschiedlicher Interessenslagen. Fühlte sich in dem einen Falle die herrschende politische Macht herausgefordert, traten in den beiden anderen Fällen der herrschende Geschmack und die herrschende Gesellschaftselite auf den Plan. Doch nicht immer läßt sich das „man“ derart genau fixieren. Eines können wir aber wohl getrost behaupten: Es ist stets ein „Oben“, das sein Verdikt fällt, ein „Oben“, das in irgendeiner Form getroffen scheint. Das „Oben“ exakt zu bestimmen, ist schwierig. Es repräsentiert nicht unbedingt politische oder gesellschaftliche Macht in reiner Unmittelbarkeit. Andererseits ist es mit ihr in vielerlei Hinsicht verschworen. Wer oder was zynisch sei, dieses Urteil findet man meist im Namen der Moral ausgesprochen, der herrschenden notabene. Im Zynismus schimmert, der Leseart von „oben“ zufolge, stets ein Stück Unmoralität oder Amoralität durch. Derjenige also, der das Urteil verhängt, dieser oder jener verhalte sich zynisch, nimmt, bewußt oder unbewußt, die Autorität der herrschenden Moral für sich in Anspruch. So hatte es wenigstens bisher den Anschein. Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, daß die Frontlinien erheblich unklarer verlaufen. Der Zynismus ist längst nicht mehr das Privileg des „Unten“, eine Waffe, mit deren Hilfe die allgemeine Ohnmacht die Eingriffsmöglichkeiten der „Vormächte“ (Sloterdijk) einzuschätzen und zu begrenzen versucht, indem sie frech und spielerisch ihre Anmaßungen enthüllt, der Zynismus…

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