Titel: Zwischenbilanz II - Neue Deutsche Malerei · von Sabine Schütz · S. 198
Titel: Zwischenbilanz II - Neue Deutsche Malerei , 1983

Volker Tannert

Ein grobschlächtig, fast oberflächlich gemalter Kopf mit Hals und Schultern; zwei überlange Arme, die sich sprialförmig, wie dicke Schlangen, um den eigenen Kopf winden und in zu Fäusten geballten Händen enden. Ein Mensch, dessen Kopf offensichtlich nicht weiß, was seine Hände tun; ein Mensch, der die Kontrolle über seine Körperfunktionen verloren zu haben scheint. „Ohne Titel“ heißt das Bild.

„Ohne Titel“ auch: Ein männlicher Oberkörper, der sich spaltet wie die Erde bei einem Erdbeben. Organe und Knochen schweben aus der Körperöffnung hinaus. Alptraumhaft löst ein Mensch sich auf, zerfällt. In seltsamem Gegensatz zum Geschehen steht sein schicksalsergebener, ja hingebungsvoller Gesichtsausdruck. Was mit seinem Körper geschieht, interessiert ihn nicht; verklärt richtet er seinen Blick gen Himmel.

Zwei Bilder des Malers Volker Tannert, entstanden in den Jahren 1981 und 1982. Zwei Bilder, deren zentrales Thema der Mensch ist, und die charakteristisch sind für Tannerts Malerei der letzten Jahre. Die Menschen in Tannerts Bildern sind keine individuellen Wesen sondern Chiffren für die menschliche Gestalt. Der Mensch erscheint als Kürzel, reduziert auf die Umrisse seines Körpers. Der Verzicht auf Räumlichkeit sowie die Tatsache, daß die Figuren meist hell vor dunklem Grund erscheinen, unterstreichen noch ihre Zeichenhaftigkeit.

Tannerts Bilder sind weder als Abbilder noch als Abstraktionen von erfahrbarer Realität zu verstehen; es sind „Traumbilder“, visionäre Entwürfe, die sich auf archaischen Vorstellungen gründen. Sie sind gewissermaßen „überzeitlich“, denn sie lenken den Blick in die Vergangenheit ebenso wie in die Zukunft.

„Um eins möchte ich bitten“, bemerkte Volker Tannert am Ende unseres Gesprächs, „nicht zum Katastrophenmaler abgestempelt zu werden.“ Ein…

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von Sabine Schütz

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