Titel: Zwischenbilanz II - Neue Deutsche Malerei · S. 154
Titel: Zwischenbilanz II - Neue Deutsche Malerei , 1983

Martin Kippenberger

Wer ist Martin Kippenberger? Die Frage läßt sich vielleicht leichter beantworten als die nach dem, was er ist. Was er ißt zu klären, ist für unsere Zwecke allerdings nicht so interessant wie herauszufinden, wofür er steht. Kippenberger hat mehrere Identitäten genommen im Laufe der Zeit, dabei aber seine „wahre“ Identität rücksichtsloser und entschiedener zur Schau gestellt, ja ausgebeutet als die meisten selbstverliebten Ego-Tripler. Wer Kippenberger ist, diese Frage ist nicht ablösbar von der Frage, welche Rolle er jeweils spielt. Andererseits sucht er sich als geübter Spieler seine Rollen aus, spielt bewußt und spielt in einer Weise, daß man unschwer erkennen kann, hier spielt einer nur. Aber wie virtuos und gekonnt die Rollenspiele auch ausgeführt werden, sie entspringen, sieht man genauer hin, einem tiefernsten Beweggrund. Kippenberger verbirgt hinter einer Fülle von verschiedenartigsten Tätigkeiten und Eigenschaften – gemäß eigener Einschätzung, meldet vor einigen Jahren eine Hamburger Zeitung, sei er „Verschwender, Animator und Selbstdarsteller, Angeber, Anführer und Vorsteller“ (zitiert nach Katalog „Kippenberger: Durch die Pubertät zum Erfolg“, Berlin 1981, o.p.) -, daß es ihm vor allem um eines geht: den falschen Schein zu entlarven, den – schlicht gesagt – das menschliche Dasein umgibt wie ein trügerischer und gleichermaßen undurchdringbarer Nebel. Kippenberger spielt, indem er beständig in bestimmte Spielrollen schlüpft, mit den falschen Vorstellungen, die sich an diese Rollen geheftet haben. Die falschen Vorstellungen sind Produkte eines falschen Bewußtseins. Das falsche Bewußtsein ist die Geistesmünze, die den Prägestöcken der modernen Zivilisation entstammt. Im Namen der Menschlichkeit vollziehen sich die unmenschlichsten Dinge, und diejenigen,…

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