Report , 1973

1. Folge:

Gerd Winkler

KUNST IN FRANKFURT

Das Beste an Frankfurt ist, daß man sehr schnell daran vorbeifahren kann.
Karl Georg Pfahler

An einem Samstag Vormittag beschließen sieben erwachsene Menschen, nicht ihre Autos zu waschen oder länger zu schlafen. Sie steigen achtzig Treppen hoch, gelangen in eine Mansarde und besichtigen dort, was an den Wänden hängt; das kann natürlich nichts anderes als Kunst sein. Es handelt sich um recht seriöse Herren. Einer ist sogar der Oberamtmann Lotz vom städtischen Kulturamt. Ehe er vor zwei Jahren zu der für ihn neuen Disziplin Kunst wechselte, verwaltete er den Palmengarten. Man sieht: wie dicht Natur und Kunst manchmal beieinander liegen! Die Herren bilden eine Jury. Diese hat die Aufgabe, erst zu denken, dann zu diskutieren und endlich das zu benennen, was die Stadt Frankfurt am Main – bekannt als Metropole des Gewerbefleißes, des Handels und der Banken – anzukaufen gedenkt. Weil die Jury während dieser anstrengenden Vorgänge allein gelassen werden möchte, muß der Mansardenbewohner nach draußen gehen. Er ist selber Künstler, heißt Peter Moosmann‘ und hat zu seinen Arbeiten auch die von vier Kollegen gehängt: Thomas Bayerle, Rolf Kissel, Siegfried Reich an der Stolpe und Benno Walldorf, der im benachbarten Bad Homburg eine Fast-Millionenvilla sein eigen nennt. Die Jury erwirbt ein Blatt Kunst für zweihundertfünfzig Mark und steigt die achtzig Treppen hinab.

Von derart großmütigen Maßnahmen ist der Schritt nicht mehr weit zur Gründung eines örtlichen Kunstcaritasvereins. Während das (schlecht besuchte) Theater mit 30 Millionen Mark pro Jahr subventioniert wird, gibt es für die Neue Kunst so gut…

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