Dossier · von Heinz Ohff · S. 78 - 85
Dossier , 1973

Heinz Ohff

Kunst von oben her

Erfahrungen mit dem Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin

In Berlin ist alles sehr kompliziert
(Arakawa)

In Berlin ist alles viel einfacher
(Xenakis)

Kunst – und was man so Kultur nennt – kommt „on unten, aus den Ateliers, von den Künstlern, neumodisch – altmodisch ausgedrückt: von der Basis. Ob man auch von oben etwas dazutun kann und muß, ist die Streitfrage. Nachdem Kirche und Aristokratie als klassische Mäzene für bildende Kunst so gut wie wegfallen, zumindest in relativ armen Städten wie West-Berlin, auch das Großbürgertum diese Aufgabe nicht genügend wahrnehmen kann, bleiben, ob wohl, ob übel, nur jene Instanzen, denen es weniger auf Kunst als auf Repräsentation, weniger auf Kultur als auf Kulturpolitik ankommt.

Die Berliner können ein Lied davon singen. Seit fast zehn Jahren versorgt das vielumworbene, vielgeschmähte Künstlerprogramm bei wechselnden Mäzenen das hiesige Kunstleben mit einem – um bei obigem Vergleich zu bleiben – ebenfalls ständig wechselnden künstlichem Überbau an Internationalität. Begonnen wurde es noch unter dem Aspekt, die vom kalten Krieg zerrissene Halbstadt zu einer Art von ‚Kulturzentrum‘ hochzudonnern, Anfang der sechziger Jahre, von der amerikanischen Ford-Foundation. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) in Bonn hat es dann fortgesetzt und nach etlichen Anfangsschwierigkeiten, die immer noch nicht ganz überwunden sind, alles in allem zu einer imponierenden Institution werden lassen, mit vielen Vor- und ebensovielen Nachteilen einer solchen.

Schon die Liste derer, die ein halbes oder ein ganzes Jahr in West-Berlin verbracht haben oder tätig gewesen sind, was ja nicht ganz dasselbe ist, liest sich recht eindrucksvoll. Bei den Komponisten reicht sie vom alten Strawinsky über Carter, Schuller, Penderecki bis Ligeti und Gage, bei den Schriftstellern vom alten W.H. Auden über Butor, Bachmann, Wirpsza, Gombrowicz (sein ‚Berliner Tagebuch‘ bildet den Höhepunkt seines Spätwerks) bis zu Handke und Jandl. Seit ein paar Jahren liegt jedoch das Hauptgewicht auf den Malern und Bildhauern: Armitage, Attersee, Castillo, Colville, Dorazio, Erro, Fangor, Iida, Kolar, Riley, Tsoclis, Vedova – das sind nur wenige, alphabetisch herausgegriffene Namen. Als kompliziert erwies sich bis heute die Integration ins ohnehin kaum umreißbare, in Berlin besonders zersplitterte (und zerstrittene) sogenannte Kulturleben. Die Zeiten, da es nachts bei Angehörigen dieses Kulturlebens Sturm läutete und unten stand ein anderer Angehöriger der Happy-few mit einem Artist-in-residence, der ausschließlich Portugiesisch sprach (‚Mensch, mach auf, wir müssen dem doch was bieten‘), sind zwar vorbei, aber aus all den Miß- und Halbmißverständnissen, die sich im Laufe der Zeit ergeben haben, ließen sich ganze Bücher mit Anekdoten, lustigen und traurigen füllen.

Ein argentinischer Bildhauer kam mit sieben Kindern; zum Glück fand sich in Spandau eine leerstehende Fabrikhalle, die als Atelier und Massenquartier dienen konnte. Antonio Saura reiste spornstreichs wieder ab, als er entdeckte, daß es sich um West-, statt, wie er angenommen hatte, um Ost-Berlin handelte. William Scott verließ nach vergeblichen Versuchen, hier arbeiten zu können, laut schimpfend die Stadt, empfiehlt aber seither allen seinen Schülern, sich zu bewerben. Der greise Paul Westheim, den die Nazis nach Mexiko vertrieben hatten, kam mit dem Künstlerprogramm zurück und liegt jetzt auf dem Jüdischen Friedhof begraben.

Viele blieben weit länger, als ihr Stipendium reichte, so Ruth Francken (2 Jahre), Remo Remotti (4 Jahre), andere, etwa Jorge Castillo, Martin Engelmann, Jan Kotik, die Griechen Akrithakis und Xenakis bis heute. Als René Block unlängst in London seine Ausstellung ‚Szene Berlin ’72‘ im Gallery House vorstellte, beteiligte sich der Ur-Londoner Peter Sedgley als Neu-Berliner. George Rickey kehrt beinahe regelmässig an die Spree zurück, um hier zu arbeiten.

Die Verpflanzung hat jedoch nicht allen nur Glück gebracht. Aufgrund plötzlich überhöhter Ansprüche und veränderter Lebensbedingungen zerbrachen Ehen, änderten sich Karrieren, wurde mancher aus seiner natürlichen Laufbahn geworfen. Ein prominenter Stipendiat, der solche Probleme nicht verkraften konnte, drehte durch und entkleidete sich mitten auf dem Kurfürstendamm, woraufhin das Künstlerprogramm zum erstenmal auch bei der ortsansässigen Boulevard-Krawall-Zeitung Schlagzeilen machte.

Licht- und Schattenseiten halten sich, wie es scheint, die Waage. Gute und bittere Lehren konnten und können beide Seiten aus diesem von oben verordneten Künstleraustausch ziehen. Arakawa wanderte mit erstaunten Augen ein halbes Jahr durch Berlin und fand alles – wahrscheinlich zu recht – entsetzlich kompliziert und institutionalisiert. Tatsächlich muß jeder Künstler immer wieder von vorn anfangen, seine eigenen Erfahrungen sammeln: versäumt wurde bisher auch nur der Versuch, die bisherigen Erfahrungen, zum Beispiel in Hinblick auf die Beschaffung von Arbeitsmaterial, zu archivieren und Neuankömmlingen zur Verfügung zu stellen. Andrerseits fand und findet Constantin Xenakis es einfacher, in Berlin Anschluß zu finden als in Paris, weil man Fremden gegenüber aufgeschlossener sei.

Am besten traf es wohl jene Künstler, die mit festen Konzepten nach Berlin kamen. Der kanadische Realist Alex Colville tat nur das, was er ohnehin zu tun pflegt: ein halbes Jahr studierte er Alte Meister in den Museen und malte ein – ganz vorzügliches und sehr berlinisches – Bild, ‚The River Spree‘ (heute in der Sammlung Ludwig). Dann kehrte er, wie er zugab leichten Herzens, nach Sackville, N.B., zurück, wohin er gehört. Der Österreicher Christian Ludwig Attersee nutzte die Zeit, um ein lange vorbereitetes und angestautes Projekt in aller Ruhe und ohne finanziellen Druck planmäßig durchexerzieren zu können, den ‚Zyklus Segelsport‘, die Übertragung von ursprünglich literarisch, in Romanform, fixierten Ideen in erfindungsreich-phantastische Grafik.

Das Programm wird im übrigen auf zwei Ebenen durchgeführt. Alljährlich tritt eine – unregelmässig wechselnde – Jury aus Kunstsachverständigen, Malern, Museumsleuten, Kritikern, kurz ‚Fachleuten‘ zusammen, die im Rahmen des jeweiligen Etats Einladungen an Künstler ausspricht, von denen man eine Anregung oder Bereicherung erwarten kann. So haben für 1973 unter anderem zugesagt: Stuart Brisley, William D. Cook, (Australien – Harald Szeemann hatte ihn dort kennengelernt), Pier Paolo Calzolari, Mario Merz, Jean Ipousteguy, Edward Kienholz, Paul Thek, Vlassis Caniaris und Daniel Spoerri. Aus einer Fülle von Anträgen, die meist über die Goethe-Institute oder die Botschaften der Bundesrepublik im Ausland eingehen, werden ferner Nachwuchskräfte ausgesucht. Wer die Einladung annimmt, erhält Wohnung und / oder Atelier frei, sowie ein ganz gut dotiertes Monatssalär.

Unwillen hat das mitunter an der Basis, bei den Berliner Künstlern, erregt, die sich solcher Förderung nun gewiß nicht erfreuen. Rund 50 Millionen DM gibt West-Berlin jährlich für seine Deutsche Oper aus, aber kaum eine Million steht für die bildenden Künste zur Verfügung; und es fällt bei solcher Sachlage vielen schwer einzusehen, daß dieses Überbau-Künstlerprogramm ja nicht von Berlin, sondern von Bonn finanziert wird. Steuerzahler, sollte man meinen, bleibt Steuerzahler, denn ihm werden am Ende diese Summen aus der Tasche gezogen. Als das Filmer-Ehepaar Stenzel vor einem Jahr über das DAAD-Programm für ‚Titel, Thesen, Temperamente‘ einen Streifen drehte, konnte es dann auch Berliner Stellungnahmen einfangen, die keineswegs schmeichelhaft in den Ohren klangen. Und die Hochschule für bildende Künste, die von der Anwesenheit ausländischer Gäste am meisten profitieren könnte, weigerte sich beharrlich, ihnen Möglichkeiten zum Kontakt mit den Studenten zu geben – als ob nicht ein Realist wie Colville angehenden Realisten oder ein Mann wie Stanley Brown angehenden Konzeptionisten, um nur zwei Beispiele zu nennen, mehr zu sagen und zu lehren hätten als das Gros des vorhandenen Lehrkörpers. Was die Hamburger Hochschule aus eigenen Mitteln finanziert, Gastdozenten aus allen Bereichen der pluralistischen Kunstszene der Gegenwart in die Seminarräume und Ateliers zu holen, das läge der Berliner HfBK kostenlos zu Füßen; aber tue einer was gegen die Sturheit von Institutionen.

Man versucht es jetzt wenigstens. Was Peter Nestler begonnen hat, will der neue Programmleiter Karl Ruhrberg (früher Kunsthalle Düsseldorf) aktivieren. Zusammen mit der Akademie der Künste und dem Berufsverband bildender Künstler liebäugelt er mit dem alten, seit über drei Jahren leerstehenden, aber gut erhaltenen Gebäude des Krankenhauses Bethanien in Kreuzberg. Eine klassische Berliner Stätte: dort hat einst Theodor Fontäne als Apotheker gewirkt. Der Plan: ein Künstlerhaus mit Druckwerkstätten, die sowohl den Berlinern als auch den Gästen zur Verfügung stehen (woraus sich schon ein selbstverständiger Kontakt ergeben würde), mit 25 Gast-Ateliers und Wohnungen, mit dem Versuch, das Künstlerprogramm endlich und endgültig zu integrieren. Der Ausbau würde nicht viel kosten und wäre leicht zu bewerkstelligen (die Pläne liegen längst vor). Träger wäre eine GmbH aus Akademie und DAAD unter Beteiligung auch des Berufsverbands. Leider hat der Senat mit einer Entscheidung so lange gezögert, daß sich für den Eigentümer des Gebäudes, den Bezirk Kreuzberg, der die Idee grundsätzlich gutheißt, eine Zwickmühle ergab. Aufgrund vieler und berechtigter Proteste der Bevölkerung über die ungenutzten Räume am Mariannenplatz kam nun der bezirksamtliche Vorschlag, das Haus, das teilweise schon einem Sozialexperiment (‚Georg-von-Rauch-Haus‘) dient, als Gastarbeiterwohnburg zu nutzen.

Die alte Leier: wenn es um Kunst geht, werden meist rasch dringendere Bedürfnisse ins Feld geführt. Kaum eine deutsche Zeitung, in deren Leserbriefteil nicht anläßlich von Ankäufen oder sonstiger Kunstförderung eine Fülle von Zuschriften darauf hinweist, daß es an Krankenhäusern und Altersheimen mangelt. Dabei hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, was ein Blick auf den Wehretat oder auch nur den für öffentliche Uhren bestätigt. Der Berufsverband hat dann auch in der Person von Dieter Ruchhaberle darauf hingewiesen, daß es fraglos eine Aufgabe sei, hierherverpflanzten Arbeitskräften sozial würdige Wohnungen zu beschaffen. Aber nicht einzusehen sei, warum man das auf dem Rücken der gleichfalls unterprivilegierten Künstlerschaft austragen müsse.

Womit er zweifellos recht hat. Denn wenn schon soviel von Effektivität die Rede ist: da hat man mit viel Geld und gutem Willen ein Künstlerprogramm aufgebaut und läßt es im luftleeren Raum hängen. Mit einem Künstlerhaus könnte man sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Die ortsansässigen Künstler bekämen Werkstätten für Druck und – vorgesehen ist auch elektronische Ausstattung – multimediale Arbeit, was sie beides bislang bitter entbehren. Und die Gäste würden neben der Nutzung der gleichen Mittel etwas erhalten, auf das sie gleichfalls lange verzichten mußten (wenn sie nicht selbst übermässig kommunikativ begabt waren, was Künstler bekanntlich nicht immer sind): Kontaktmöglichkeiten. Es geht darum, ‚Basis‘ und ‚Überbau‘ miteinander in Einklang zu bringen.

Daran hat es bisher gehapert. ‚Kunst von oben‘ – schön und gut und nichts dagegen. Aber was nutzt ein Austausch, wenn es nicht zum Kontakt kommt? Um eine Spannung zu erzeugen, bedarf es zweier Pole.

Ob sie vorhanden sind, wenn Arakawa 1974 zurückkommt, um den zweiten Teil seines Stipendiums abzudienen? Wenn das Experiment Bethanien bis dahin verwirklicht worden ist, könnte es gut sein, daß er dann mit anderen Erfahrungen Berlin verläßt als diesmal. Eine Stadt, in der das Einfachste oft unglaublich kompliziert wird. Daß auch das Komplizierte hier mitunter einfacher scheint als anderswo, ist ihre Chance.