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Magazin: Museen & Institutionen · S. 259 - 262
Magazin: Museen & Institutionen , 1984


Museen und Avantgarde

von Johannes-Karl Schmidt

Wie verhalten sich Museen zur Avantgardekunst? Man stelle sich vor, 1909 wäre der heute vergessene Direktor der Dresdner Gemäldegalerie zusammen mit Kirchner, Heckel, Pechstein an die Moritzburger Seen gefahren und hätte die Auffassungen und Bilder der anarchischen jungen Brücke-Künstler, damals noch nicht 30 Jahre alt, zur Sache seines Museums gemacht. Statt dessen sind die Namen von Galeristen und Sammlern mit diesem Aufbruch junger Künstler im Ruhme verbunden. Das Beispiel ließe sich fortsetzen – was wäre gewesen, wenn 1960 statt des Galeristen Castelli ein Museumsdirektor die Stunde New Yorks und der Pop Art erkannt hätte, oder wenn 1979 Museumsleute im Kreuzberger Lokal ‚SO 36‘ in Berlin anzutreffen gewesen wären, zusammen mit Künstlern, Punks, Homosexuellen, Türken, Rockmusikern, Malern wie Kippenberger, Salome, Petting, Middendorf – mit dem sogenannten subkulturellen Untergrund also?

Eine ganz und gar unrealistische Vorstellung, die aber das Verhältnis der Museen zur Avantgarde beleuchten kann. Wenige Museen haben sich der Avantgardekunst noch in der Phase ihrer Anfechtung angenommen. Vor allem in Deutschland apologisieren Museen auch heute noch das herrschende, offizielle Geschichtsbild und ignorieren die mit einem deutlichen Vektor auf die Gegenwart gerichtete zeitgenössische Kunst in ihrer Entstehung. Die Museen übernehmen die Argumentation der konservativen Kunstkritik und schließen sich ausdrücklich den beharrenden Mächten an. Sie verhalten sich damit im Prinzip kunstfeindlich, denn die Kunst kann sich mit dem Bestehenden nicht abfinden; sie sinnt auf Veränderung der Welt, ständig ihre Mittel und Ziele erwägend und ständig in Verteidigung ihrer Freiheitsrechte. Was sie dagegen vom Staat erfährt – und dessen…


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