Essay , 1978

Lothar Romain

Unsinnig und auch gefährlich

– ein Gesetz und seine Konsequenzen

Es gibt Gesetze, die nichts einbringen und doch Porzellan zerschlagen. Dazu gehört die Besteuerung von zeitgenössischem Kunstbesitz, die mit der letzten Steuerreform eingeführt worden ist und der Regierung zwar kein Geld, wohl aber heftige Kritik aus allen Bereichen des Kunstbetriebs eingebracht hat. Nicht zuletzt mußten sich die Sozialdemokraten wieder den Vorwurf anhören, sie hätten nun einmal kein Empfinden für die Bedürfnisse und Belange des Kulturbetriebs. Nicht Boshaftigkeit, sondern einfach Unkenntnis habe eine gesetzliche Regelung zur Folge gehabt, die bestenfalls fatale Konsequenzen für den Kunstmarkt nach sich ziehe.

Während eines Podiumsgesprächs, das im Sommer in Berlin stattfand, erklärte der Direktor der Berlinischen Galerie Eberhard Roters im Namen der internationalen Kunstausstellungsleiter: „Dazu kommt, wenn man überhaupt daran denkt, nicht nur die Kunst verstorbener und klassischer Künstler zu besteuern, sondern auch die Kunst lebender Künstler, daß dann der Staat, glaube ich, von einer ganz falschen Vorstellung des Funktionierens von Kunst überhaupt ausgeht. Denn was hier getroffen wird, ist tatsächlich die Avantgarde. Es wird hier eine Symbiose getroffen, und das sollten wir uns eigentlich alle klar machen, eine Symbiose von Künstlern, Kunsthändlern und Sammlern“. Seit der Steuerreform 1975 ist für die Kunstszene, insbesondere für Händler und Künstler, die Welt nicht mehr in Ordnung. Bis dahin fiel der Besitz von Kunstwerken lebender bzw. noch nicht 15 Jahre verstorbener deutscher Künstler nicht unter die Vermögenssteuer. Auch der private Erwerb von aktueller Kunst galt als kulturpolitisch wünschenswert. Der Fiskus nahm darauf Rücksicht und besteuerte auch dann nicht, wenn der…

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