Monografie · von Annelie Pohlen · S. 131
Monografie , 1983

Verführung und Ironie

Dreizehn Postkarten von Herbert Wentscher
von Annelie Pohlen

„Jede Sache hat für sich mehrere Ansichten. Wahrscheinlich deshalb fasziniert mich die Welt der Zeichen und Symbole – diese sind gerade aus ihrer Mehrdeutigkeit heraus wirksam“, schreibt Herbert Wentscher-. Wenig später bringt er Archetypen und Klischees in enge Bedeutungsnachbarschaft. In der Tat schillert die verbildlichte Gegenstandswelt des 1951 in Oldenburg i.O. geborenen und heute im Schwarzwald und New York lebenden Künstlers zwischen Polen, die sich schwerlich fixieren lassen.

Die Gegenstände seiner Bilder, Zeichnungen und Video-Filme deuten im ersten Augenschein auf eine Welt, die vom Schlichtesten geprägt scheint. Hut, Schuh, Schiff, Busen, Auto, eine kleine Kapelle am Ende eines langen Pfades in der hügeligen Landschaft, eine Schwimmerin auf einem Sprungbrett, ein Herz und ähnliches mehr; Stücke zumeist aus der alltäglichen Umgebung, gemalt in Acryl, Mischtechnik oder mit dem Buntstift der Ölkreide. Sie fügen sich fest und klar auf dem Grund, allenfalls die Farbgebung bringt eine diffus oder weich schillernde Erscheinung ins Spiel.

Farbtöne, wie man sie aus der Kulturwelt der Anthroposophen kennt; auch solche, wie sie in der von östlichen Kulturen gespeisten Welterneuerungs-Verbildlichung westlicher Randgruppen beliebt sind; Farben, die Ursprünglich-Kindliches vorspielen können.

Der Zusammenprall mit der Gefühligkeit des Kitsches, des Fremdgezüchteten, des in der westlichen Erwachsenenwelt eher Unzulässig-Unvernünftigen ist unstreitig und gewollt. Die Attraktivität der Bilder zielt mittels der schlichten Gegenstandswelt bewußt in die Nischen der den Kitsch produzierenden und konsumierenden Sehnsüchte, nimmt – jedenfalls vorgeblich – teil an einer sinnenfreudigen, sich an der Fassade des Guten und Schönen, des Willfährigen und Angenehmen labenden Ersatzwirklichkeit. Die…

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