Monografie , 1973

PETER WINTER

André Thomkins

Wenn Insekten zeichnen könnten, würden sie sicher zeichnen wie Thomkins: Auf winzigen Papieren dünne Tuschespuren hinterlassen, mit der Feder in schmale Zwischenräume eindringen, mit der Bleistiftspitze Gitter und Zäune errichten, mit einem Gran Deckweiß auf dem Haarpinsel Lichter auf dunklen Karton setzen, aus Locherkonfetti, Bleistiftanspitz-Rosetten, Oblaten und Streichhölzern Collage-Berge aufschichten und aus Wortschnitzeln bizarre Kombinationen zusammentragen.

Der dreiundvierzigjährige Schweizer ist ein Kläubler und Tüftler von geradezu verblüffender Präzision. Seine altmeisterlich schraffierten, oft nur handtellergroßen Blätter scheinen aus einer Uhrmacherwerkstatt zu stammen, für viele braucht der Betrachter eigentlich eine Genußlupe zum Studium der mikrokosmischen, grafischen Partikel. Die über dreihundert Arbeiten aus den letzten 20 Jahren, die Rolf Wedewer und Heinz Holtmann von April bis Juli in Leverkusen und Braunschweig vorstellten, gaben einen retrospektiven Überblick auf das Werk eines hierzulande noch viel zu wenig bekannten, ganz und gar eigenwilligen Künstlers.

Obwohl er schon gut zwanzig Jahre in der Bundesrepublik lebt, seit 1970 als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf lehrt – eine Tätigkeit, die er mit Abschluß des Sommersemesters aufgibt – kam sein Name selten auf der Kunstszene vor. Insider kannten einige seiner Palindrome aus Spoerris Restaurant. Gelegentlich sah man Abbildungen der minuziösen Handzeichnungen und Aquarelle, ein sinnvoller Zusammenhang zwischen diesen divergierenden Tätigkeiten wurde aber nie sichtbar. Die wichtigen Collagen und Zwischendinge, die leider auch im sonst so instruktiven Katalog (mit Texten von Roters, Koepplin und Romain) in Form von Abbildungen nicht vorkommen, waren bisher ein weißer Fleck auf der ästhetischen Landkarte.

Bleistift und Federhalter sind für Thomkins die geeignetsten Wanderstäbe für die Phantasie:…

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