Titel: Problem Realismus , 1973

KLAUS HONNEF

PROBLEM REALISMUS

Die Medien des Gerhard Richter

I.

Folgt man dem allgemeinen Sprachgebrauch, dann ist ein Realist ein Mensch, der die Dinge nimmt wie sie sind und von dieser Warte aus die praktischen Probleme des Lebens nüchtern zu bewältigen vermag. Sein Verhältnis zur Wirklichkeit ist scheinbar spontan, weniger von irgendwelchen ideologischen Vorstellungen geregelt als vielmehr von dem Bestreben, eine Sache sachgerecht auszuführen. Er schafft Realitäten, indem er Realität verwirklicht.

Im Lichte der philosophischen Diskussion ist das tätige Moment ausgespart. Hier wird ein Realist in scharfem Unterschied zum Idealisten gesehen. Im Gegensatz zu diesem betrachtet er die Wirklichkeit als eine unabhängig von ihm als erkennendem Subjekt existierende Dingwelt, die, in der naiven Form des Realismus, so, wie sie wahrgenommen wird, auch wirklich sei. Ist der Blick des Idealisten auf die Wirklichkeit von den Wünschen, Hoffnungen und Idealen geprägt, die er auf sie projiziert, realisiert der ‚philosophische‘ Realist die Wirklichkeit, indem er sie sich bewußt macht.

Alle Künstler sind Realisten im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs, solange sie Dinge realisieren. Aber nicht alle Künstler sind Realisten im Sinne der philosophischen Diskussion. Danach sind nur solche Realisten, die sich darauf beschränken, die Dinge in der Weise, wie sie ihnen entgegenstehen, zu vergegenwärtigen.

Auf den ersten Blick hin scheint die schlichte Definition einleuchtend. Doch kehrt man sie um, fragt, wie denn die Dinge in Wirklichkeit sind, ergibt sich prompt eine Problemstellung, welche die auf Erkenntnis der Realitäts-Zusammenhänge angelegte philosophische Diskussion seit jeher beherrscht. Daß sie zugleich auch die Kunst berührt, zumal eine Kunst, die sich darum bemüht, Realität zu veranschaulichen,…

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