Titel: Zwischen Kunst und Design , 1983

Das Ende des Funktionalismus:

am Beispiel des Möbeldesign1
von Rainer Wick

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Der italienische Designer und Herausgeber der in Mailand erscheinenden Zeitschrift für Kunst, Design und Architektur „domus“, Alessandro Mendini, hat vor einigen Jahren (1978) eine Reihe von Sitzmöbeln gestaltet, die sich durch einige verwirrende Einzelheiten auszeichnen.

Da ist beispielsweise ein Stuhl, dessen Formgebung auf ein Kunststoffprodukt hinweist, der jedoch durch eine Materialoberfläche irritiert, die den Eindruck von Marmor erweckt; an einem anderen Stuhl flattern spitze Fähnchen, in die Rückenlehne eines dritten scheinen Blitze einzuschlagen, und ein Stuhl aus gebogenem Buchenholz mit geflochtener Sitzfläche ist mit einem antennenartigen Gestänge und bunten Kugeln sowie einer schwungvollen blauen Rückenlehne ausgestattet. Ebenso sonderbar erscheint ein Stuhl in Zick-Zack-Form mit einer als Kreuz ausgebildeten Rückenlehne und ein Stahlrohrsessel, auf dessen Sitzfläche und Rückenlehne sich bunte Pappwölkchen tummeln. Dies alles muß zwangsläufig unverständlich bleiben, solange man nicht historisch zurückfragt, was es denn mit diesen stilistisch höchst heterogenen Sitzmöbeln aus designgeschichtlicher Sicht auf sich hat.

Dem Design-Kenner ist natürlich sofort klar, daß es sich bei dieser Mendini-Serie um Metamorphosen dessen handelt, was wir allgemein als „Klassiker“ des modernen Möbel-Design zu bezeichnen pflegen. Im ersten Fall haben wir es mit dem Redesign – so der seit geraumer Zeit kursierende Begriff – eines Stapelstuhles des italienischen Designers Joe Colombo von 1968 zu tun, im zweiten Fall (mit den Fähnchen) mit dem Redesign des Stuhles „Superleggera“ von Giò Ponti aus dem Jahr 1957. Noch „klassischer“ wird es bei den folgenden Exemplaren: dem Stuhl „Hill House l“ des schottischen Jugendstil-Entwerfers Charles R. Mackintosh (1902), dem…

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