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Essay · S. 121 - 128
Essay , 1984

Das Erhabene und die Avantgarde

von Jean-François Lyotard

In den Jahren 1950-51 malt Barnett Baruch Newman ein Bild von 2,42 m auf 5,42 m und nennt es vir heroicus sublimis. Zu Beginn der 60er Jahre erhalten seine drei ersten Skulpturen die Titel Here I, Here II, Here III. Ein anderes Bild heißt Not over there, here, Nicht dort, hier, zwei Bilder tragen den Titel Now, Jetzt oder Nun, zwei andere Be, Sei. Im Dezember 1948 schreibt Newman einen Essay mit dem Titel: The Sublime is now, Das Erhabene ist nun.

Wie hat man zu verstehen, daß das Erhabene, sagen wir vorläufig der Gegenstand der Erfahrung des Erhabenen, hier und jetzt ist? Liegt das Wesentliche dieses Gefühls nicht im Gegenteil darin, auf etwas anzuspielen, das nicht gezeigt werden, oder wie Kant sagt, nicht dargestellt werden kann? In einem kurzen, unvollendeten Text von Ende 1949, Prologue for a New Esthetic, Vorrede zu einer neuen Ästhetik, schreibt Newman, daß er sich in seinen Gemälden nicht ,,an die Manipulation des Raumes, noch an das Bild, sondern an ein Zeitempfinden“ hält. Es handelt sich nicht um eine Zeit, fügt er hinzu, die mit dem Gefühl der Sehnsucht, mit großen Dramen, Assoziationen und Geschichte beladen ist, und die das beständige Sujet der Malerei gewesen ist. Der Text bricht mit dieser Verneinung ab.

Um welche Zeit handelte es sich, welcher Art war das now, das Newman im Auge hatte? Sein Freund und Kommentator Thomas B. Hess glaubt schreiben zu können, daß diese Zeit der Makom oder Hamakom der hebräischen Tradition war,…

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