Monografie · von Helmut Draxler · S. 129
Monografie , 1984

Günter Brus – Asket der letzten Tage

von Helmut Draxler

Kakteen, die an ihren Rändern platzen; ein brennend-scharfer Riß, daraus Unförmiges quillt scharlachrote, tiefkelchige Blüten treiben aus. Wie Kafkas Wunde, an der der Landarzt krankt: rosigschillernd, voller Würmer, unabdeckbar. An solcher Stelle nagt die Kunst des Günter Brus.

Fremd ist Brus der Balanceakt, das Ausponderieren schräger Gewichtslagen hin auf eine „goldene Mitte“. Ihm geschieht alles im Exzeß. Der Aktionist und Totalkünstler will die Wunde kitten, mit der Naht und der Narbe als den zentralen Motiven. Der Gesamtkunstwerker dagegen reißt die Wunde auf und schenkt ihr die Welt. Der frühe Brus ist zuerst Asket, Selbstpeiniger, sodann Flickschuster am eigenen Leib; der späte Brus ist Ekstatiker. Mit den Begriffen der Entleibung und der Verleiblichung will ich sowohl Konstanz als auch Wandel eines außergewöhnlichen Oeuvres beschreiben.

Der Aktionismus als Entleibung

Schon in den frühen Aktionsmalereien (Anfang der 60er Jahre) wandert Brus‘ Arm hackend und stoßend auch über riesige Formate. Die Auseinandersetzung mit Arnulf Rainer – der Malakt nicht als Befreiung, sondern als ein Abdecken und ein Übermalen, als ein Verspachteln und ein Zerstören – das führt Brus weiter zur Selbstbemalung, zur Malerei als Selbstverlöschung. Der gestaute Rhythmus, die Katatonie (Nitsch), findet in den Aktionen ungebrochen Fortsetzung. Die hysterisch-expressiven Bewegungsmomente halten augenblicklich inne und werden skulptural; das wahre Leben bannt die Geste zur Form. Die Verrenkung ist noch Ausdruck, Unbehagen am Organischen. Dann dehnt sich der Leib, wird stranguliert und zerstückelt. Schon hier weiß die Zeichnung mehr, als die Aktion je bieten könnte. Die Organe klaffen, der Penis wird…

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