Essay , 1974

GEORG JAPPE

Das Museum der Zukunft

Das Endkapital-Frühorthodoxe Museum, das in diesen Tagen eröffnet wurde, erfreut sich großer Beliebtheit beim Publikum. Die ausgegrabenen Zeugnisse aus dem Ende des 20. Jhdts. (also vor rund 2000 Jähren) geben einen so faszinierenden als rätselhaften Einblick in diese gleichzeitig primitive und dekadente Kultur. 100 m im Boden der heutigen ‚Tiefdruckzone für Kohl & Gurken‘ stieß man auf die Reste des antiken Köln. Die Bewohner hatten die atlantische Buchstabenschrift, die wir bekanntlich lesen, aber nur in einigen Ansätzen entziffern können. Ihre Sprache zerfiel offenbar in mehrere Dialekte: Küppers Kölsch, Simon Kölsch, Gaffel Kölsch u.a. Botschaften wurden in Flaschen ausgetragen, die sind nun auf der Sockelinsel ‚Freude und Elend‘ ausgestellt, zu Recht, denn Kommunikation macht Freude, bringt aber in großen Maßen, wie wir heute wissen, Elend.

Am Eingang die Museumsinsel ‚Kardinal Frings erbaut die Stadt‘ – wobei längliche schwarze Steine eine entscheidende Rolle gespielt zu haben scheinen. Schwadronus der J. berichtet, in einer alljährlichen bunten Prozession habe der Bischof von einem hohen Wagen herab die Bevölkerung mit Bonbons gesegnet. Gigantisch muß die Hochburg gewesen sein, in der Kardinal Frings in regelmäßigen Abständen aus seinen Memoiren vorlas, vor einem goldenen Schrein (der Grabräubern am Ende der Papierzeit zum Opfer fiel). Im übrigen ist die Rubrik ‚Großarchitektur‘ ziemlich enttäuschend.

Es gibt beachtliche Reste von Brücken, Straßen und einem unterirdischen Schienennetz; was die Sklaven in den Bergwerken dort zu Tage fördern sollten, ist unbekannt. Während die Sklaven in engen, vielfach unterteilten Steinhöhlen leben mußten, verschanzten sich die Priesterschaften WDR, GERLING und BANK in…

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