Titel: Das neue Bild der Welt , 1993

Horst Prehn

Die Manipulation oder Ausblendung von Erfahrungen ist Mikrochirurgie am Gehirn

Es ist bekannt, daß man diejenigen Mechanismen, die man erklären, oft auch rekonstruieren und womöglich als Technik implementieren kann. Die Gehirnforschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt. Ist es denn überhaupt denkbar, dieses äußerst komplexe System des Gehirns irgendwann einmal im ganzen verstehen und gezielt beeinflussen zu können?

Wir sind noch sehr weit davon entfernt, zu verstehen, auf welche Weise sich das Gehirn selbst erforscht. Hingegen ist inzwischen die gezielte partielle neurophysiologische Beeinflussung von einzelnen Prozessen im Gehirn durchaus realisierbar. Bislang ist das jedoch nur auf der reinen Reiz-Reaktions-Ebene möglich. Bei komplexeren Repräsentationen des Gehirns halte ich es eher für unwahrscheinlich, daß wir überhaupt spezifisch in die bedeutungsgenerierenden Mechanismen, also in die symbolischen Ebenen, einbrechen können. Wir versuchen inzwischen, mit neurophysiologischen Methoden, z.B. im Bereich des Kortex, bestimmte Wahrnehmungsmodalitäten zu stimulieren bzw. zu modulieren, wobei das auch sehr „faustkeilartige“, recht unspezifische und kaum bedeutsame Eingriffe sind. Im Hinblick auf die daraus entstehende Bedeutung unserer Simulationstechnik vertrauen wir im wesentlichen auf die mentale Kompetenz des Gehirns.

Man geht heute davon aus, daß das Gehirn als selbstorganisierendes System zu verstehen sei, das man möglicherweise mit chaostheoretischen Modellen beschreiben kann, und daß seine Informationsverarbeitung durch massive Parallelverarbeitung zu charakterisieren sei. Sind das Gründe, warum wir prinzipiell das Gehirn nicht spezifisch und vorhersagbar beeinflussen können?

Parallelverarbeitung bedeutet jedoch noch nicht, daß dies prinzipiell unmöglich ist. Wir wissen, daß das Gehirn dezentral organisiert ist, daß also Prozesse und Erregungsmuster über den gesamten „Hirnglobus“ verteilt sind….

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von Florian Rötzer

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