Titel: Das neue Bild der Welt , 1993

Wolf Singer

Wahrnehmen ist das Verifizieren von vorausgeträumten Hypothesen

Im Augenblick steht die Erforschung des Gehirns im Zentrum der Aufmerksamkeit. Man spricht vom letzten dunklen Kontinent, der noch entdeckt werden müßte. Das menschliche Gehirn ist wohl eines der komplexesten natürlichen Systeme. Besteht denn eigentlich berechtigte Hoffnung, daß wir eines Tages hinreichenden Einblick in das Gehirn haben werden, um die wichtigen Funktionen zu erklären?

Das ist schwer zu sagen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden sicher beeindruckende Fortschritte bei dem Versuch erzielt, Hirnfunktionen reduktionistisch zu erklären, d.h. Verhaltensleistungen mit Abläufen im Zentralnervensystem zu korrelieren und letztere bis hinunter zu molekularen Prozessen zu verfolgen. Neu ist in der Geschichte der Neurowissenschaften die Möglichkeit, fast lückenlos Analyseketten zwischen Hirnleistungen und zugrundeliegenden molekularen Prozessen herzustellen.

Sie sprachen gerade von reduktionistischer Erklärung. Ist denn in den Neurowissenschaften akzeptiert, daß man grundsätzlich alle psychischen Phänomene auf ihre biochemischen Grundlagen zurückführen und dadurch ohne Zuhilfenahme anderer Instanzen erklären kann? Ist der Mensch aus der Perspektive der Neurowissenschaft also eine neuronale Maschine?

Ich denke schon, daß die Neurowissenschaftler darin übereinstimmen, daß allen psychischen Phänomenen und Verhaltensleistungen neuronale Prozesse zugrunde liegen, ohne die es jene nicht geben würde. Es trifft sicher auch zu, daß man von dem Moment an, wo sich neuronale Vorgänge direkt auf elektrophysiologischer oder anatomischer Ebene untersuchen lassen, lückenlos nach unten bis zur molekularen und auch atomaren Ebene arbeiten kann, weil sich alle Zugänge innerhalb naturwissenschaftlicher Beschreibungssysteme erschließen. Innerhalb dieser Beschreibungssysteme sind Übergänge von einem Beschreibungssystem zum nächsten lückenlos möglich. Man kann vom anatomischen auf das biochemische Beschreibungssystem übergehen, ohne…

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von Florian Rötzer

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